Jahrgang 
1 (1856)
Einzelbild herunterladen

20 Der Balineſe.

Blüthen und hing in ſchweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das ſaf⸗ tige Grün der Gänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. Hoch und kühn daraus empor ragte die ſtolze Cocospalme, die Königin der Wälder, mit ihrer ſchwankenden zitternden Blattkrone, die der Südoſt⸗Monſoon hier nur in leichtem Säuſeln erreichen konnte, und die Arekapalme ſtreckte aus kleinen Fruchtdickichten den ſchlanken, zierlichen, pfeilartigen Stamm. Tief und ſchattig in den reizenden Hainen lagen die Bambushüt⸗ ten der Eingeborenen gar ſtill verſteckt, und die dunklen Ränder derſelben wurden nur hie und da durch die purpurrothe Blüthenmaſſe des Tjanging*) unterbrochen, der mit ſeinen unregelmäßig und reich über die Landſchaft geſtreuten Bäumen der ganzen Scenerie eine eigene wunderbare Färbung gab.

Wo der junge Eingeborene ſeinen Pfad ſuchte, war noch wenig Leben. Hie und da arbeiteten erſt einzelne Gruppen in den Feldern, meiſtens Frauen, die mit der Hand den reifen Reis abſchnitten und auf die Ränder trugen. Der Sikup**) ſtrich noch einſam nach Beute über die ſtille Gegend. Hie und da ſtand auch wohl ein einſiedleriſcher Tjanga mit den langen Beinen und rieſigem, faſt unverhältnißmäßig großem Schnabel am Rande der Reis⸗ felder und trat dem raſch Heranſchreitenden mehr, wie es ſchien, aus Höf⸗ lichkeit, als aus beſonderer Sorge für ſeine eigene Sicherheit ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem Rand der Ravine geſeſſen und ſich geſonnt hatte, bäumte auf und ſchaute mit den langen Hälſen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder.

Dieſer aber war viel zu ſehr mit ſich ſelber und ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt, um ſolchen, überdies durchaus gewöhnlichen Gegenſtänden auch nur einen Blick zu widmen. Raſch nur ſuchte er durch manche ſich ihm in den Weg ſtellende Hinderniſſe ſeine Bahn und hielt zum erſtenmale an, als er eine Art Abſatz oder Terraſſe des Ganges erreicht hatte, von der aus ſich eine weite Ausſicht nach Süden und Südweſt über die Küſte und das ferne Meer gewinnen ließ.

*) Tjanging, der weſtindiſche Corallenbaum, der in der letzten Hälfte des Jahres in Bali in Blüthe ſteht und dann gar keine Blätter trägt, ſo daß ihn nur die langen, purpurrothen und büſchelartig zuſammenſtehenden Kelche ſeiner Blumen vollkommen bedecken.

**) Eine rothe Falkenart mit weißer Bruſt, welche die Balineſen wahrſchein⸗ ſcheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein ähnliches Schild vorn tragen.