Jahrgang 
1 (1856)
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Von F. W. Hackländer. 15

können, muß man eine Windfahne ſein oder ein Vogel; denn ſelbſt der Schornſteinfeger, der dort aus dem höchſten Kamine ſein berußtes Geſicht herausſtreckt und eine ganze hübſche Umſicht hat, iſt bei ſeinem ſchwarzen Geſchäft nicht in der Laune, die landſchaftlichen Schönheiten einer Dachwelt zu ſtudiren; noch viel weniger aber die Leute dort auf dem Kirchthurme. Die ſehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, und ſtatt ſich an dem prachtvollen Durcheinander der Schornſteine, Wetterfahnen und Blitzableiter zu erfreuen, blicken ſie leicht über uns hinweg, ſprechen vom impoſanten Häuſermeer und ſchauen über uns hinaus in die weite Gegend.

Ach, es iſt ein entzückender Anblick ſo über die Dächer auf die male⸗ riſche Mannigfaltigkeit hin! Hier zeigt ſich eines flach und gedehnt mit hoch emporſtrebendem Schornſtein, ein jüngeres Bauwerk, dort iſt ein hoher und gewaltiger Giebel mit vier Stockwerken ſpitz in die Höhe gekehrt, der das drunter liegende Haus wie eine warme Schlafmütze bedeckt. Und dazu wieder die verſchiedene Farbe jedes Daches, grauer Schiefer, rothe Ziegel, glän⸗ zendes Kupfer und matter Zink. Was aber das Ganze beſonders lebendig macht, ſind die ſo verſchieden geformten Dachladen, jeder mit einem andern lieben, wohlbekannten Geſichte. Es iſt das in der Frühe mein erſtes und liebſtes Geſchäft, mich vor einem leichten Morgenwind zu drehen und nach den guten Freunden zu blicken, nach den alten Gefährten, aus deren Fenſter⸗

augen bei aufgehender Sonne ſo viel Wohlwollen für mich ſtrahlt. Ja,

namentlich ein ſolcher Morgen auf dem Dache iſt entzückend ſchön, wenn ſich die leichten Rauchwolken in die Höhe kräuſeln, um mit uns in beſter Har⸗ monie die gleiche Himmelsrichtung anzuzeigen, wenn ſich alle meine Kollegen wie auf Kommando zu gleicher Zeit drehen, wenn die Blitzableiter funkeln und ein angenehmer erfriſchender Thau auf den Dachplatten liegt.

Aber auch der Abend hat ſeine Schönheiten. Da ſehe ich ſo manches, was denen da unten auf der Straße oder den Hausbewohnern verborgen bleibt. Da erſcheinen hie und da Geſtalten in obern Stockwerken oder in den Dachwohnungen, die ſich allerlei zu ſchaffen machen, ſcheinbar für ſich allein handelnd ohne alle Abſicht. Scheinbar, denn ich weiß ganz genau, warum dort die melancholiſche Flöte tönt, und weshalb ſich gleich darauf drüben ein weißes Tuch zeigt. Auch begreife ich vollkommen, was es zu bedeuten hat, wenn das jnge Mädchen öſtlich von mir jetzt den alten halb⸗ vertrockneten Geraniumſtock auf die Fenſterbank ſetzt, nach deſſen Anblick der Student auf der andern Seite ſchon lange Zeit geſchmachtet. Auch von