Jahrgang 
1 (1856)
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Geſchichten einer Wetterfahne.

dem, was im Innern der Dachwohnungen ſelbſt vorgeht, nehme ich häufig Einſicht, doch bin ich diskret und wende mich in ſolchen Fällen gern auf die andere Seite.

Wenn es nun dunkel wird, die Häuſer ſtill und die Straßen leer, ſo bevölkert ſich unſere Dachwelt, und es erſcheinen muſikaliſche Katzen, was übrigens gerade nicht zur beſonderen Aufheiterung beiträgt; doch habe ich auch von ihnen ſchon viel Lehrreiches erfahren, und von dem, was mir die Hauskatze von dem Leben in den Zimmern drunten erzählte, knüpfte ich oft⸗ mals die Fäden meiner Beobachtungen zu einem ſehr angenehmen Ganzen.

Indem ich mich entſchloß, meine Erlebniſſe und Wahrnehmungen mit⸗ zutheilen, habe ich es mir feſt vorgenommen, mich der ſtrengſten Wahrheit zu befleißigen, und wenn ich den geneigten Leſer bitte, mir Glauben ſchenken zu wollen, ſo bin ich ihm zu gleicher Zeit die Erklärung ſchuldig, auf welche Art es mir gelungen, das Vorliegende zu Papier zu bringen. Daß eine Windfahne nicht ſchreiben kann, weiß jedes Kind, daß aber eine Windfahne ſehr vernehmlich und deutlich zu ſprechen verſteht, hat jeder erfahren, der in einer Dachwohnung gelebt. Unter dem Dache nun, das ich zu zieren die Ehre habe, haust ſchon ſeit längerer Zei ein unglücklicher Schriftſteller, ein armes, verkümmertes Weſen, dem es an paſſendem Stoffe für ſeine Erzäh⸗ lungen und Novellen gebricht. Allen fehlt der rechte Faden, und wenn man ſie ihrer überflüſſigen Phraſen entkleidet, ſo kann man ſie mit dem bekannten Satze ausdrücken: er ward geboren, nahm ein Weib und ſtarb. Auch Ge⸗ dichte machte er in ſchwachen Stunden, meiſtens an den Mond gerichtet, kam aber ſelten über die erſten Zeilen:

Mond, der du am dunkeln Himmelszelt, Mondſüchtig, mondbleich biſt gewandelt.

Das waren jammervolle Produkte, und er konnte nicht dabei gedeihen, wurde auch menſchenſcheu und abgeſchloſſen, ließ ſich vor niemand ſehen und bei ſchönem Wetter oder klarem Nachthimmel ſaß er hinter ſeinen zugemach⸗ ten, blind angelaufenen Fenſterſcheiben. Nur wenn nächtlicher Weile der Sturm über die Dächer ſauste, daß die Ziegel und Schiefer klapperten und raſſelten, und ich ächzend herumflog, dann öffnete er ſeine Fenſter und horchte dem Toſen des Windes und dem was ich ihm pfeifend erzählte. Anfänglich begriff er meine Sprache freilich nicht, doch gab ſich das in kurzer Zeit, und jetzt ſind wir zu dem Verſtändniß gekommen, das den