Jahrgang 
1 (1856)
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Geſchichten einer Wetterfahne.

ſeine vergoldete Spitze, die man bei heiterem Wetter gar nicht ſieht, funkelt jetzt wahrhaft herausfordernd gegen den tiefdunkel überzogenen Himmel. Und nun kommt es gegen uns heran in gewaltiger Majeſtät, vorausſchickend ſeine leichten Truppen, die flatterhaften Regen, die ſich langſam und allmählig heranwälzen, wie graue, immer dichter werdende Schleier. Die Sonne, all dem feindſeligen Spektakel abhold, hat ſich zürnend hinter einen ſchwarzen Wolkenmantel zurückgezogen, deſſen Ränder mit Purpur und Gold beſäumt ſind; von ihren luſtigen Strahlen aber befinden ſich noch einige auf dem weiten Thale und plänkeln mit dem heranziehenden Regen. He! das iſt eine luſtige, köſtliche Schlacht! Wie fliegen die blitzenden, vielfarbigen Funken davon, wenn ſich Sonnenſtrahlen und Regen treffen! Wie flimmert es grün, gelb, blau durcheinander, als ſtäube der Himmel die lauteren Edelſteine herab! Aber die Sonne iſt verdrießlich über den langweiligen Regen, der, ein beſtändiger Feind, ihr von jeher die ſchönſten Feſte verdorben hat, und ruft ihre Strahlen unwillig zurück. Doch weichen ſie nur Fuß für Fuß dem andringenden Feinde; ja, wenn die Sonne nicht genau Achtung gibt, und ihren Wolkenmantel nicht feſt zuzieht, ſo bemerke ich wohl, weit hinten am Gebirge, zwiſchen den grauen und violetten Tönen einen glänzenden Streifen, wo eine Partie Sonnenſtrahlen hartnäckig kämpft und oft ſtegreich das Feld behauptet.

Die leichten Regentruppen ſind nun über mich dahingeeilt, und ihnen folgt maſſenhaft das ſchwere Geſchütz des feindlichen Gewitters. Schmutzig⸗ grau iſt der Himmel bezogen, man könnte glauben mit einer einzigen feſten Maſſe; aber wenn es nun blitzt, da ſehen wir die verſchiedenen Wolken⸗ ſchichten, wie ſie ſich deutlich von einander abzeichnen. Weit hinaus in die Ebene ſenden ſie einen feurigen Strahl nach dem andern, und dazu donnert es in den verſchiedenſten Tonarten. So lange es murmelt und grollt, wird mein Freund, der Blitzableiter, keine Arbeit haben, aber wenn es anfängt zu krachen oder dem zackigen Blitze einzelne feſte Schläge folgen, dann blickt ſelbſt der alte Schornſtein einigermaßen beſorgt in die Höhe, denn er bewahrt in ſeinem Gedächtniſſe traurige Erinnerungen von einem vernachläſſigten Blitz⸗ ableiter und einem tüchtigen Schlage, der ihn auf's Haupt traf und beſin⸗ nungslos auf das Dach niederſtreckte.

Wenn ſo die Gewitterſchlacht erbittert losbricht, iſt es gut, wenn man eiſerne Nerven hat. Was uns ſelbſt in ſolchen Augenblicken kleinmüthig machen könnte, iſt der Jammer unſerer Umgebung. Wie klagen die Dach⸗ ziegel, wenn der gewaltige Regen über ſie niederſtrömt; wie ſeufzen die faſt