Jahrgang 
1 (1856)
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6 Geſchichten einer Wetterfahne.

über alle Maßen eigenſinnig, und wenn ich mich auch anfangs bemühte, ihr mit gutem Rath an die Hand zu gehen, ſo wurde ich deſſen doch bald müde, da ich einſah, es nütze mir doch gar nichts. Sie hatte ſich angewöhnt, beſtän⸗ dig nach Oſten zu ſehen. Das iſt freilich eine ſchöne Himmelsgegend und war mir auch lieber als der trübe Weſten; aber eine brave Wetterfahne muß ihre Schuldigkeit thun und da hinausſchauen, wohin ſie ihr Beruf weist. Wie oft rief ich ihr zu:Liebes Kind, ſchau auf mich! Wende dich doch gefälligſt nach Norden. Umſonſt, zuerſt ſeufzte ſie ſtatt einer genügen⸗ den Antwort unverſtändlich, und als ich meine Bitte dringender wiederholte, entgegnete ſte mir gereizt, ich ſolle mich gefälligſt um mich ſelbſt bekümmern, ſie wiſſe ſchon ſelbſt, was ſich für eine Frau ſchicke. Daß ich darüber etwas wild wurde und ihr, während ich mich im Zorn vielleicht zwanzigmal her⸗ umdrehte, eine tüchtige Rede hielt, verſteht ſich von ſelbſt. Sollte ich ſchwei⸗ gen? Ich, der gegenüber dem wildeſten Sturmgeheul nicht einmal das Maul hielt? Gott bewahre! Ich war mir bewußt, daß ich meine Schuldigkeit that, und als Mann das Recht hatte, meiner eigenſinnigen Frau tüchtig die Meinung zu ſagen. Da ſchwieg ſie nun auch längere Zeit, immer hartnäckig nach Oſten blickend. Doch als ich ſie mehrere Nächte gar kläglich ſtöhnen und jammern hörte, erbarmte es mich doch und ich fragte ſie ſo ſanft als möglich:Fehlt dir etwas, mein liebes Kind? Haſt du vielleicht Schmerzen? Worauf ſte mir entgegnete:Laß mich, ich fühle mich unglücklich.

Ich muß geſtehen, das ärgerte mich einigermaßen. So erhaben geſtellt zu ſein, hoch über dem Getreibe der Menſchen, in friſcher Luft und zeitweiſem Sonnenſcheine, und doch nicht zufrieden darüber befragte ich ſie und erſchrack heftig als ſie mir zur Antwort gab:Iſt das ein glückliches Loos, welches mir zu Theil geworden, hier oben in Sturm, Schnee und Hagel Wetterfahne ſein zu müſſen?Aber von allen Menſchen geſehen, ſiel ich ihr ärgerlich in die Rede;ja, von allen ängſtlich und prüfend betrachtet, Verkündiger von guter und ſchlechter Zeit; das iſt doch wahrlich ein ſchönes Loos.

Ein ſchönes Loos! wiederholte ſte ſo kreiſchend und mit dem Aus⸗ druck des Jammers, daß ich feſt überzeugt bin, hätte ſie Hände gehabt, ſie würde ſolche über dem Kopfe zuſammengeſchlagen haben.Ein ſchönes Loos, o du mein Gott! Ich bin von einer ſtillen ſoliden Eiſenblechfamilie, alle meine Schweſtern und Brüder ſind was Rechts geworden, und auch ich war beſtimmt zum angenehmen Leben einer Feuerſchaufel, als mich das