Jahrgang 
1 (1856)
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Von F. W. Hackländer. 3

Lebensſtellung vorbereitete. Mein Erzeuger war, ſo lang er an mir arbeitete, über alle Maßen luſtig und vergnügt, und er behandelte meine Entſtehung mit einer Sorgfalt und Pünktlichkeit, der ich vor allen Dingen meine gute Geſundheit und mein langes Leben zu danken habe. Warum er ſo vergnügt war, konnte ich in meiner Unſchuld damals nicht begreifen; jetzt aber, nachdem mir ſo mancher Wind um die Naſe gegangen, und ich mit vielen Lebenserfahrungen an die längſt vergangene Zeit zurückdenken kann, weiß ich wohl, daß das junge hübſche Mädchen, welches oft an den Amboß trat, als an mir gearbeitet wurde, Urſache war an dem vergnügten Herzen des Schmieds.Mach' deine Sache nur pünktlich ſprach ſie oft,du wirſt ſehen, Georg, daß der Vater den fleißigen und geſchickten Arbeiter lieb gewinnt. Was ſonſt noch an dem Amboß geſchah, will ich discret ver⸗ ſchweigen, muß aber dabei geſtehen, daß ich es nicht allein war, der an einem ſchönen Tage ſah, wie ſich die Beiden küßten; unglücklicher Weiſe trat der Vater im ſelben Augenblicke in die Werkſtatt, und ich erwartete ſchon, daß er einen ſchweren Hammer, den er zornig in die Hand nahm, nach uns her⸗ überwerfen würde; doch bezwang er ſich, biß die Lippen auf einander und ging zur Thüre hinaus, ohne daß ihn das glückliche Paar geſehen. Hätte ich damals nur reden können! Oder hätte mich der junge Schmied verſtanden! Denn als ich nun fertig war und er mich ſanft mit Oel eingeſchmiert hatte, und durch einen leichten Klaps mit der Hand mehreremal herumlaufen ließ, da flüſterte ich ihm wohl zu, er ſolle ſich in acht nehmen, aber er begriff nicht, was ich ſagen wollte.

Eines ſchönen Tages wurde ich an meinen Beſtimmungsort gebracht, und als mich der junge Schmied auf dem nördlichen Giebel des Daches befeſtigte, hörte ich, wie der Hausherr ſagte:Jetzt fehlt uns noch eine Wet⸗ terfahne auf dem andern Giebel. Alles in der Welt will Geſellſchaft, und ſo wollen wir denn auch Dem da eine Lebensgefährtin geben. Da durch⸗ ſchauerte mich ein unbewußtes, aber ſüßes Gefühl und meine Phantaſte malte mir auf der leeren Seite des Daches eine ſehr zierliche Wetterfahne, mit der ich mich vereint durch's Leben drehen würde. Man wird meine Sehnſucht gerechtfertigt finden, hatte ich doch eine feſte Anſtellung und nebenbei aus den Geſprächen meines Erzeugers mit dem jungen Mädchen häufig ent⸗ nommen, daß es nicht gut ſei, wenn man ſich allein befände.

Die Werkſtätte, aus der ich hervorgegangen, ſah ich von meinem hohen Standpunkte aus deutlich vor mir. Ja, nach einiger Zeit bemerkte ich zu

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