Jahrgang 
1 (1856)
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2 Geſchichten einer Wetterfahne.

ſtrahlend an einem ſchönen Frühlingsmorgen beim ſanfteſten Südwind zum erſtenmal in der blauen Luft erſchienen. Aber wie lange hat's gedauert! Zwei, drei Jahre höchſtens, da wurde die Vergoldung matt, die dünnen Eiſenſtangen bogen ſich, ein ſchrilles Pfeifen bei jedem Windſtoße zeigte den Anfang eines unheilbaren Stockſchnupfens an, der oft mit einer Aus⸗ zehrung endigt; und wenn ich dann nach einer wilden Sturmnacht bei anbrechendem Morgen rings um mich her ſchaute und meinem alten treuen Freunde, dem feſten Schornſtein des Hauſes, einen guten Morgen bot, ach, wie viele jener armen jungen Leute waren nicht mehr, oder ließen betrübt ihre ſchönen Kreuze und Sterne hängen!

Daß ich im Laufe der Zeit bei meinem mühſeligen Geſchäfte jünger und friſcher geworden wäre, will ich gerade nicht behaupten, auf meinem ehemals ſchönen grünen Kleide hat ſich der Roſt des Alters angeſetzt, und meine Stimme iſt rauh und hart geworden, wie das bei bejahrten Leuten meiſtens der Fall zu ſein pflegt. Aber Lebenskraft fühle ich noch in mir, volle friſche Lebenskraft; und der ſteife Weſtwind, der im Spätherbſt oft wochenlang bei mir vorüberſaust, hat ſchon oft in ſeinen Bart gebrummt: Der Teufel hole dieſe Wetterfahne! Die bringen wir nicht ſo bald herunter! Ja ich weiß ihm auszuweichen dem Winde, wende mich jetzt rechts, jetzt links, um ihn vorbeizulaſſen, und wenn er mir gar zu toll kommt, ſo zeige ich ihm, wie gelenkig ich in meinem Alter noch ſein kann, und wirble mich ein paar Dutzend mal herum, wobei ich ihn höhniſch auslache. Das ver⸗ drießt den tollen Wind und dann ſtreicht er gegen die Dachziegel, daß ſie klappernd und ſtöhnend auffliegen, rüttelt auch wohl an meinem alten Schornſteine, der auch ſchon hie und da einen Backſtein laſſen mußte.

Ja, Wetterfahne ſein, iſt ein ſchwieriges und mühſames Geſchäft, in der That kein angenehmer Lebensberuf, und abgeſehen von einer feſten Geſundheit, die man haben muß, gehört auch eine große geiſtige Biegſamkeit dazu, ſich nach jedem Windſtoß zu bequemen, ohne dabei die Würde aus den Augen zu verlieren, die man ſich und ſeines Gleichen ſchuldig iſt.

Da es uns Wetterfahnen, wie ſo vielen andern von der Natur ſtief⸗ mütterlich behandelten Geſchöpfen, nicht geſtattet iſt, uns auf natürliche Weiſe fortzupflanzen ſo kann ich auch nicht ſagen, daß ich geboren wurde, und eben ſo wenig, daß ich einen Vater gehabt. Ich entſtand vielmehr unter der derben Fauſt eines jungen Schmiedes, der mich durch tüchtige Hiebe ſchon in zarteſter Jugend abhärtete und ſo auf meine hohe aber wildbewegte