Geſchichten einer Wetterfahne. Von F. W. Hackländer.
Erſter Windſtoß. Geburt und Eheſtand.
Wenn ich ſage, daß ſchon manche Wetterfahne mitgetheilt, was ſie geſehen, gehört, erlebt, mit einem Wort, ihre Memoiren verfaßt hat, ſo iſt das eine Behauptung, die mir niemand widerſtreiten kann. Doch iſt bis jetzt keine Windfahne ſo ehrlich geweſen, ſich als Verfaſſer zu nennen; viel⸗ mehr ſchreiben die meiſten unter andern Namen, was auch mir im vorlie⸗ genden Falle ſehr leicht ſein würde. An ſchönen und paſſenden Namen ſollte es mir durchaus nicht fehlen; ich könnte mich z. B. Baron Dreher nennen, Herr von Eiſenblech, oder meinetwegen auch Doctor Windfang; aber es ſei ferne von mir, meinen Stand verleugnen zu wollen. Ich entſtand als Windfahne, ſetzte bis jetzt meinen Stolz darein, eine ſolche zu ſein, und will es auch bleiben bis an mein ſeliges Ende, ſei es nun, daß mich irgend ein wüthender Sturm in unbekannte Regionen fortführt, oder ſei es, daß ich vom Hausherrn penſtonirt werde, um, wer kann das wiſſen? mein Leben als Kohlenſchaufel zu beſchließen.
Warum ſoll ich auch meinen Stand leugnen? Wenn man auch gering⸗ ſchätzend und achſelzuckend ſpricht: O, ſo eine Wetterfahne, ein erbärmliches Ding, das ſich bei jedem Windſtoß zehnmal herumdreht! Ja, das Herum⸗ drehen an ſich wäre nicht ſo ſchwer, aber es mit Sicherheit und Anſtand thun und in der gehörigen Richtung verbleiben— dazu gehören feſte Grund⸗ ſätze, die nicht jeder hat. Ueberhaupt ſind viele berufen, aber wenige aus⸗ erwählt; und ich, die ich mich heute noch munter auf meinem Dache drehe, habe ſchon ganze Generationen junger eleganter Windfahnen, ſchlanker Blitzableiter und ſtolzer Kreuze und Sterne kommen und verſchwinden ſehen. Manche davon haben mich höhniſch angelächelt, wenn ſie ſo glänzend und
Hausblätter. 1856. I. Bd. 1


