Der Thalhof.
Rückkehr eines Kameraden, den er abwarten muß, ehe er ſeinen Urlaub an⸗ treten darf, hält ihn noch feſt.“—„Schreibt er vom Vater etwas?“— „Ich begreife es gar nicht— kein Wort!“— Die Mutter ſah ihr Kind überraſcht an.„Kein Wort! Der Vater iſt doch ſchon acht Tage dort, wie ſollen wir das verſtehen? Der Brief iſt wohl ſehr eilig geſchrieben?“ Alma zeigte vier enggeſchriebene Seiten vor.—„Doch!“ ſagte ſte auf einmal. „Hier iſt noch eine Zeile am Rande, welche ich überſehen hatte.„Dein Papa wollte ja hieher kommen?“ las ſie und blickte erſtaunt auf die Mutter.
Dieſe konnte ihre Beſorgniß bei dieſer unerwarteten Mittheilung nicht unterdrücken; was war hier vorgefallen, das ihren Gatten veranlaßt hatte, von ſeinem Vorhaben abzugehen, war ihm ein Unfall begegnet oder was hielt ihn ab, den Seinigen wenigſtens Nachricht zu geben? Er hatte ſie ſo daran gewöhnt, von allem, was er unternahm, die genaueſte Kenntniß zu haben, daß ſie ſich jetzt wahrhaft beunruhigt fühlten.„Morgen muß ſich ja alles aufklären, Mama,“ tröſtete die Tochter.„Bis dahin wollen wir uns recht in Geduld faſſen.“
„Du haſt recht, mein Kind,“ erwiderte die Mutter.„Gott bewahre dir dieſe Seelenkraft in allen Verhältuiſſen des Lebens.“—„Sie iſt mein Erbtheil von dir, Mama. Du wirſt mich doch nicht für ſo leichtſinnig hal⸗ ten, mein Erbtheil zu verſchleudern?“— Die Mutter küßte Alma, welche lächelnd dieſe Worte ſprach, aber die Bangigkeit, welche ihre Seele plötzlich ergriffen hatte, wollte ſich durch alle Vernunftgründe nicht bannen laſſen.
Zum Mittageſſen erſchien der Oheim in vollem Anzuge, in Frack, weißer Kravatte, ſogar mit einem von Brillanten funkelnden Ordenskreuze um den Hals. Die einfache Hauskleidung der Frauen machte einen wunder⸗ baren Kontraſt dagegen, doch war es zweifelhaft, auf weſſen Seite der Vor⸗ theil blieb: dem alten Herrn erſchienen Beide wenigſtens höchſt anmuthig und es kam ihm ſogar der Gedanke, als mache er ſich hier durch ſeine ſorg⸗ fältige Toilette, die er„deplacirt“ nannte, lächerlich. In Almas Augen hatte er ein ſeltſames Leuchten geſehen, das ihm faſt wie Spottluſt erſchienen war. Wenn aber auch ſein Anzug, welcher mehr für das Parkett der Sa⸗ lons, als in dieſen engen Familienkreis paßte, auffallend blieb, ſeine Perſon machte einen vortheilhaften Eindruck. Graf Ried hatte ein edles Antlitz, blaß und ſchmal zwar, fruͤh gealtert, aber von klugen, wohlwollenden Augen belebt; ſeine Geſtalt war hochgewachſen, ſeine Haltung etwas gebückt, doch immer noch feſt, und wenn er, wie hier, mit Antheil ſprach, ſo gewann ſeine
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