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Von Bernd von Guſeck. 15
Stimme mehr und mehr einen wohlthuenden, faſt noch jugendlich zu nennen⸗ den Klang. Seinerſeits fühlte er ſich auch ſo wohl in dieſer ihm ganz neuen Lage, daß die Eiskruſte, der Egoismus, welche in den kalten Höhenregionen ſeiner Laufbahn ſein Herz umpanzert hatte, vor der warmen Luft, die ihn umwehte, immer mehr ſchmolz; und dies Herz, das ſich ſeit langen Jahren zum erſtenmale wieder ſeiner Jugendzeit bewußt worden war, als ihm plötz⸗ lich vom Berge das Bild ſeines heimatlichen Thales geleuchtet, ſchlug jetzt ſo lebendig, als ſei ihm wirklich die ſchöne Zeit ſeiner Jugend nach langem Scheintode wieder erwacht. Mathilde ſelbſt erſchien ihm ja ſo unverändert! Noch immer war ihre Geſtalt ſchlank und fein, ihr Haar ſo voll und glän⸗ zend in ſeinen dunkelbraunen Flechten, wie einſt, ihr Geſicht hatte das zarte Incarnat der Wangen, ihr tiefblaues ſeelenvolles Auge den innigen Strahl bewahrt, der einſt— hier riß ſich Clemens, zum Bewußtſein gekommen, von ſeinen gefährlichen Erinnerungen los, um einen kritiſchen Vergleich, kalt und klar, hoffte er, zwiſchen Mutter und Tochter anzuſtellen. Ja, hier war ein ganz anderer Typus, wie er es nannte. Alma hatte in der Geſtalt allerdings viel Aehnlichkeit mit ihrer Mutter, auch ihr Haar war braun, ihr Auge blau, aber ſonſt wie verſchieden in allem! Ihre Züge, wie jugend⸗ lich auch das ganze hübſche Geſicht, waren ſchon viel entſchiedener gezeichnet, ihr Mund mit den unverkennbaren Linien ausgeſtattet, welche Hang zur Spottluſt bekunden, ihr Auge ſehr intereſſant, aber oft ſo prüfend— Clemens mußte an den praktiſchen Sinn und Blick denken, welchen die Mutter von ihr gerühmt hatte, und er fand dieſen Ausſpruch nun in dem ganzen Weſen des jungen Mädchens beſtätigt. Daß Alma hübſch war, ſehr hübſch ſogar, daß ſte gewiß feſſeln konnte, geſtand er ihr zu, aber die Mutter: Gemüth! die Tochter: Verſtand! Damit glaubte er die richtige Charak⸗ teriſtik gewonnen zu haben.
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Die Sonne des nächſten Tages neigte ſich bereits zum Niedergange und Frau Mathilde ſchaute noch immer vergebens nach der Höhe, von wel⸗ cher ihr heimkehrender Gatte kommen ſollte. Alles war zu ſeinem Em⸗ pfange vorbereitet, ſein Zimmer kühl gehalten, friſch gelüftet; ein Strauß von Blumen, die er ſehr liebte, ſtand von der Hand ſeiner Frau geſchmack⸗ voll in einer Porzellanvaſe zuſammengeſtellt, auf ſeinem Schreibtiſch; Alma


