Der Thalhof.
„Der Poſtillon fragt, ob Sie noch etwas zu befehlen haben. Er wollte nicht ausſpannen.“
„Aber— bekommt man Pferde im nächſten Orte? Oder wie machen wir das?“ wandte ſich der Oheim an die Frau vom Hanſe.„Ich gedachte eigentlich nur einen halben Tag hier zu bleiben und den Poſtillon warten zu laſſen— freilich rechnete ich darauf, meinen Bruder zu treffen.“— „Sie haben vor der Hand keine Pferde nöthig,“ entſchied Frau Mathilde. „Wenn Sie ſpäter einmal deren bedürfen, ſo werden ſie ſich in unſerem Stalle oder ſonſt finden.“—„Erlauben Sie dann,“ ſagte Clemens auf⸗ ſtehend,„daß ich den Poſtillon abfertige, mich auch ein wenig um meine Sachen bekümmere, mein Diener iſt ein guter Menſch, aber nicht recht prak⸗ tiſch— und handelt zuweilen auf ſeinen eigenen Kopf.“
Alma erbot ſich, ihm das für ihn eingerichtete Zimmer, das eine Treppe höher lag, zu zeigen, und begleitete ihn vorerſt nach dem Hausflur, wo der Poſtillon noch ſeiner Abfertigung harrte. Der„praktiſche Blick“ des Mäd⸗ chens bemerkte, daß er das Trinkgeld, das er erhalten, mehrmals bedenklich anſah, und zog daraus ihre eigenen Schlüſſe. Als ſie dem Onkel, welcher ſeinen Diener vergeblich gerufen, die Thüre ſeines Zimmers geöffnet hatte, wo er den Geſuchten noch mit Ordnen des Gepäcks beſchäftigt fand, eilte ſie zu ihrer Mutter zurück und rief gleich beim Eintritt:„Sage mir, Mama, das iſt Onkel Clemens?“—
„Urtheile nicht vorſchnell, Alma,“ erwiderte die Mutter ſanft.„Er hat ſich allerdings ſehr verändert, ſeit ich ihn zuletzt geſehen habe, aber Aeußerlichkeiten, die er in ſeiner Lebensrichtung vielleicht annehmen mußte, dürfen uns nicht beſtimmen, über ihn zu urtheilen, ehe wir ihn kennen ge⸗ lernt haben: von mir ſage ich wieder kennen, denn dreißig Jahre reichen hin, um Menſchen einander bis zur Unkenntlichkeit fremd zu machen.“— „Ich rede auch nicht von Aeußerlichkeiten, Mama,“ ſagte die Tochter.„Daß er bildſchön geweſen iſt, ſieht man auf den erſten Blick, auch mag er ganz ele⸗ gante Manieren haben, was die große Welt ſo nennt, ich verſtehe das nicht, will es aber glauben, obwohl mir manches nach unſern beſchränkten Be⸗ griffen ziemlich rückſichtslos vorkam. Aber ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich ihn für einen Egoiſten halte, und das iſt doch nach allem, was ich von Onkel Clemens weiß, ganz unbegreiflich. Wer einſt ſolcher Aufopferung fähig war—“.—„Du irrſt ganz gewiß,“ unterbrach ſie die Mutter. „Und wäre es der Fall, ſo bedenke ſein Alleinſtehen in der Welt. Männer,


