Von Bernd von Guſeck. 9
wenn er morgen kommt.— Aber laſſen Sie mich eine Frage thun: was hat es für eine Bewandtniß mit der Aeußerung unſerer Alma? Ich meine, daß ſie meine Frage nach dem Grafen Ried ablehnte?“
„Ganz einfach, Clemens. Wir haben uns bewogen gefühlt, in unſerer Zurückgezogenheit den Rang und Titel, der hier keinen Sinn mehr hat und unſer Verhältniß nur erſchwert, fallen zu laſſen.“—„Fallen?“ rief Cle⸗ mens.„Sie haben den Grafenſtand, den Adel niedergelegt?“—„Nur ruhen laſſen, hätte ich richtiger ſagen ſollen. Er bleibt uns darum doch und kann jeden Augenblick, wenn es uns von Nutzen iſt, wieder aufgenom⸗ men werden.“
Clemens ſchüttelt den Kopf.„Das begreife ich nicht,“ ſagte er bedenk⸗ lich.„Cajetan, ſo durch und durch vornehm geſinnt und Sie, Mathilde, Hofdame der Fürſtin!“—„Auch zur Ruhe geſetzt, wie Sie, Clemens,“ erwiderte ſie lächelnd.„Ich will Ihnen ehrlich ſagen, was uns zuerſt auf den Gedanken brachte: die Unmöglichkeit, die wir vorausſahen, unſer, wie es genannt wird, ſtandesmäßiges Leben auf die Dauer fortzuſetzen.“— „Mein Gott!“ rief Clemens betroffen und in ſeinem Antlitz wurde eine große Bewegung ſichtbar.—„Laſſen Sie ſich nicht beunruhigen,“ ſagte Frau Mathilde,„wir haben keine Noth gelitten und ſind mit Anſtand, als es noch Zeit war, von der Bühne abgetreten.“—„Aber die Welt, Ihre Bekannten und Freunde, die Verwandtſchaft— was hat man dazu ge⸗ ſagt?“—„Das weiß ich nicht. Als wir einmal zu dem Entſchluſſe gekom⸗ men waren, führten wir ihn ſo raſch aus, daß niemand Zeit hatte, uns mit ſeinen Anſichten zu beglücken. Wir nahmen Abſchied zu einer weiten Reiſe, ſprachen davon, uns irgendwo, wenn uns eine Gegend beſonders gefallen werde, anzukaufen, reisten ab und da wir nichts weiter von uns hören ließen, wurden wir von der großen Welt wahrſcheinlich ſehr bald vergeſſen. Hier, fern von ihren großen Strömungen, wird ſie uns nicht aufſuchen, am wenigſten wieder finden. Daß Sie uns gefunden, war natürlich, da Sie wußten, wer der alte treue Geſchäftsführer unſerer Familie iſt: ich kann mir es wenigſtens nur ſo erklären.“
„Und Sie haben richtig gerathen. Ich habe mich an Herrn Steinlech⸗ ner gewendet und von dieſem die gewünſchte Auskunft, wiewohl ohne alle Erklärungen, erhalten: nur, wo ich Sie finden würde.“—„Er iſt ein vorſichtiger Mann, wie Sie wiſſen. Cajetan hat ihm jedoch keineswegs unterſagt, zu verläugnen, was er weiß. Wir haben keine Urſache, uns zu
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