Jahrgang 
3 (1855)
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Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde

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in den Händen der Geiſtlichkeit, die hierarchiſch gegliedert iſt und in dem fleiſchgewordenen, lebendigen Gott, dem Tale(Dalai) Lama ihre Spitze hat. In ſeinem Namen wird das Land verwaltet, aber er iſt ſo hochheilig, daß man irdiſche Sorgen ihm nicht auferlegen darf. Dieſe ſind einem Major⸗ domus anheim gegeben, der den Titel Nomekhan führt; vier Miniſter, Ka⸗ lons, verwalten neben ihm die Staatsgeſchäfte. Nun begab es ſich in unſeren Tagen, daß dreimal hintereinander in kurzem Zwiſchenraum der lebendige Gott, der Tale Lama, ſeine irdiſche Hülle verließ, und allemal im Jüng⸗ lingsalter vom Tode hinweggerafft wurde. Man munkelte ſich anfangs leiſe zu, und ſprach bald öffentlich aus, dreimal ſei der Gott auf grauenvolle Art ermordet worden, und kein anderer als der Nomekhan habe die Frevelthat verübt. Der eine Tale Lama ſei erwürgt, der andere von der Decke ſeines Schlafgemachs erſchlagen, der dritte vergiftet worden. Aber die Gewalt des Miſſethäters war ſo groß, daß niemand gegen ihn aufzutreten wagte. Er hatte die aus fünfzehntauſend Mönchen beſtehende Kloſtergemeinde Sera, die nicht über eine halbe Stunde von Lhaſſa entfernt liegt, unter ſeinen be⸗ ſondern Schutz genommen, ſie mit Gunſtbezeugungen und Privilegien über⸗ häuft, die wichtigſten Staatsämter Geiſtlichen aus Sera übertragen. Alle dieſe Mönche waren ihm blindlings ergeben, hatten ihn für einen Heiligen erſten Ranges erklärt und ein Inhaltsverzeichniß aller ſeinerzehntauſend Vollkommenheiten entworfen.

Nachdem drei lebendige Götter ſo raſch geſtorben waren, ſchritt man zu einer neuen Wahl. Das Collegium der Hutuktu(Cardinäle) bezeichnete demnach abermals ein Kind, in deſſen Körper die Seele des lebendigen Buddha übergewandert ſei. Der Nomekhan bewies auch dem neuen Tale Lama anſcheinend große Ehrfurcht. Um aber zu verhindern, daß nicht aber⸗ mals ein Mord begangen werde, wandten die vier Kalons, das heißt die Miniſter, ſich insgeheim an den Oberherrn von Thibet, den Kaiſer von China, der ohnehin ſich ausdrücklich für den Beſchützer des Tale Lama er⸗ klärt hat. Unverweilt ſchickte er einen außerordentlichen Bevollmächtigten, der ſogleich in aller Stille den Nomekhan gefangen nahm, deſſen vertraute Anhänger auf die Folter brachte und ihnen lange feine Bambusnadeln unter die Nägel ſchlagen ließ, um ſie williger zum Geſtändniß zu machen. Sie machten rückhaltloſe Ausſagen, und der Nomekhan ſelbſt geſtand ein, er habe allerdings dreimal ſich des Mordes ſchuldig gemacht, dem einen lebendigen Gott verhalf er dadurch zur Seelenwanderung, daß er ihn erwürgte, den