Jahrgang 
3 (1855)
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Von Hermann Emmerich. 27

und Gehen iſt Lhaſſa ein Sammelplatz für Leute aus allen aſtatiſchen Völ⸗ kern geworden. Der Thibetaner ſelbſt gehört dem großen mongoliſchen Menſchenſtamm an; er iſt von ſtarkem Körperbau, eben ſo gewandt und beweglich wie der Chineſe, aber weit kräftiger, gymnaſtiſchen Uebungen und dem Tanze leidenſchaftlich ergeben, ſingt gern und ſchreitet leicht einher. Da⸗ bei iſt er von offenem Charakter, hochherzig, tapfer und ohne Todesfurcht; er iſt ſo fromm wie der Mongole, aber weniger leichtgläubig, liebt Pracht und Lurus, läßt ſein Haupthaar lang wachſen und kleidet ſich mit Geſchmack.

Aber in Bezug auf die Frauen herrſcht ein Gebrauch, der ſonſt auf Erden nicht wieder vorkommt. Die Thibetanerin nämlich muß allemal, ſo⸗ bald ſie ihre Wohnung verläßt und ſich öffentlich zeigt, ihr Geſicht mit einem klebrigen Ruß ſchwärzen, um recht häßlich zu erſcheinen. Und recht häßlich ſehen die Frauen allerdings aus, wenn ſie die ſchmutzige Maſſe kreuz und quer im Geſicht herum geſtrichen haben. Die Sage will wiſſen, daß vor Jahrhunderten beim ſchönen Geſchlecht Putzliebe und Ueppigkeit in höchſt bedenklicher Weiſe überhand nahmen, und ſelbſt die fromme Prieſterſchaar durch Weiberverlockung auf ſchlüpferige Irrwege gerieth. Da griff der No⸗ mekhan, welcher an der Spitze der weltlichen Regierungsgeſchäfte ſtand und ein ſittenſtrenger Mann war, nachdrücklich ein und brachte wieder Zucht unter Geiſtliche und Weiber. Er verordnete, daß keine Frau ſich ferner öffentlich blicken laſſen dürfe, ohne das Antlitz in der eben geſchilderten Weiſe angeſchwärzt zu haben. Widerſpenſtige hatten nicht bloß den Zorn Buddhas im Himmel, ſondern auch Züchtigung von Seiten der löblichen Sittenpolizei auf Erden zu gewärtigen. Auffallend bleibt, daß das zarte Geſchlecht ſich ohne weiteres füge; die Geſchichtsbücher erzählen ſogar, die Damen hätten ſich nun dermaßen verdunkelt, daß den Männern bange vor ihnen geworden ſei wie vor ſchönen Teufelinnen. Gegenwärtig iſt man in Thibet darüber einig, eine Frau für um ſo ſchöner zu halten, je widerwärtiger ſie Naſe, Stirn, Wangen und Kinn bepinſelt. Da jedoch, wie man weiß, auch dann und wann eine Frau zu Widerſetzlichkeiten geneigt iſt, ſo darf es nicht befremden, daß in den Städten einzelne Damen ſich über die hergebrachten Sitten hinweg⸗ ſetzen und nicht geſchwärzt, ſondern mit natürlichem weizengelbem Antlitz auf die Gaſſe ſich hinauswagen. Freilich geht dabei ein Theil ihres guten Rufes verloren, und ſie müſſen ſchnell das Antlitz verhüllen, ſobald ein thi⸗ betaniſcher Polizeidiener nahe kommt.

Thibet iſt ein durchaus theokratiſch regierter Staat. Alle Gewalt liegt