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76 Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde.
einen allerdings ſteilen Berg getrennt. Sie waren länger als drei Monate in der Wüſte und Wildniß geweſen; nun jauchzten ſie auf vor Freude, als ſie ſich von milder Luft angeweht fühlten und Häuſer, Pflüge, beſtellte Aecker und Bäume erblickten. Am 29. Januar 1846 früh um ein Uhr brachen ſie auf, um den hohen Berg zu erſteigen, waren um zehn Uhr auf der Höhe angelangt, und als ſie gegen Sonnenuntergang in ein breites Thal abbogen, lag ihnen zur Rechten Lhaſſa, die Hauptſtadt der buddhiſtiſchen Welt, mit ihren hohen weißen Häuſern und Thürmen, mit den goldſchim⸗ mernden Tempeldächern und dem Buddha La, auf welchem der Tempelthron des Dalai(richtiger Tale) Lama ſteht, der als Papſt und menſchgewordener Gott von dreihundert Millionen Aſiaten verehrt wird. Nach achtzehn Mo⸗ naten waren ſie am Ziel ihrer weiten Wanderung.
In Lhaſſa eröffnete ſich den beiden europäiſchen Mönchen eine neue großartige Welt. Sie ſtaunten den a tatiſchen Vatican an, dieſen Palaſt, zu welchem jährlich hunderttauſende von Andächtigen pilgern. Unweit vom nördlichen Ende der Stadt erhebt ſich inmitten des weiten Thales ein kegel⸗ förmiger Felshügel, gleich einer Inſel aus einem See. Er heißt Gottesberg, Buddha La. Auf dieſem gewaltigen, von der Natur errichteten Sockel haben die Verehrer des Dalai Lama einen prachtvollen Palaſt errichtet: in ihm reſidirt die fleiſchgewordene Gottheit der Buddhiſten. Das Ganze beſteht aus einer Maſſe verſchiedener Paläſte, über welchen das gewaltige, vier Ge⸗ ſchoß emporragende Mittelgebäude mit vergoldetem Tempeldom und vergol⸗ deten Säulenhallen ſich ſtolz erhebt. Von dieſem hohen Heiligthum über⸗ ſieht der buddhiſtiſche Papſt weit und breit das Land; an hohen Feſttagen überſchauet ſein Auge die unzählbare Schaar der Andächtigen, welche heran⸗ zogen, um vor ihm ſich in frommer Demuth niederzuwerfen. Die übrigen um und neben dem Tempelpalaſt des göͤttlichen Oberprieſters gruppirten Pa⸗ läſte werden von Lamas aller Klaſſen bewohntv; ſie ſind allzeit des Papſtes gewärtig, um ſeinen Willen zu vollſtrecken. Zwei herrliche Baumgänge laufen von der Stadt bis an den Fuß des Buddha La, dort begegnet man zu allen Tageszeiten fremden Pilgern, die ihren Roſenkranz beten; Lamas vom Hofe, prächtig gekleidet, ſprengen auf muthigen Roſſen einher; ſtets herrſcht um den heiligen Berg große Lebhaftigkeit, aber jedermann tritt mit würdigem Ernſt und ſchweigſam auf. Dagegen iſt die Stadt ſelbſt unruhig; in wirrem Gedräng ſchreiet alles durch einander, kauft und verkauft. Handel und Andacht ziehen unabläßig Fremde herbei, und bei dieſem ewigen Kommen


