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Von Hermann Emmerich. 75
nicht angreifen, wenn ſte ſehen, daß wir uns in ihre Gewalt begeben; auch glaube ich, daß ſie die Macht des Lamas aus dem Weſten fürchten.“
Nach einer Weile kam der Räuberhauptmann wieder und fragte den Thibetaner, wie er es nur wagen möge, grade hier ſeine Zelte aufzuſchla⸗ gen. Jener entgegnete, die Karawane zähle nur achtzehn Mann gegen ſieben und zwanzig, und von jenen ſeien viele erkrankt, ſonſt würde ſie ſich wehren, wenn es ſein müſſe.„Ich habe ſchon bewieſen, daß ich mich vor den Kolo nicht fürchte.“—„Du hätteſt dich mit den Kolo gemeſſen? Wann, wo und wie, das ſage mir!“—„Vor fünf Jahren, als die Kolo der von Lhaſſa nach Peking ziehenden Geſandtſchaft auflauerten. Hier iſt noch ein Anden⸗ ken.“ Dabei zeigte der Thibetaner ein Wundenmaal am rechten Arm. Der Räuber lachte und wollte den Namen wiſſen. Der Kaufmann entgegnete: „Ich heiße Rala Tſchembe; kennſt du dieſen Namen?“—„Ja, alle Kolo kennen ihn.“— Und der Räuber ſtieg vom Pferde, zog einen Säbel aus dem Gürtel und überreichte ihn dem Thibetaner.„Da, nimm den Säbel, er iſt mein allerbeſter, wir haben mit einander gekämpft; wenn wir fortan uns begegnen, wollen wir Brüder ſein.“
Der Thibetaner nahm den Säbel und gab als Gegengeſchenk einen werthvollen Bogen mit Pfeilen, den er in Peking gekauft hatte. Nun kamen auch die übrigen Kolo und tranken mit uns armen Reiſenden Thee. Wir athmeten frei auf, denn alle dieſe Räuber benahmen ſich äußerſt liebens⸗ würdig. Sie ſagten uns, daß ſie geſchworne Feinde des Kaiſers von China ſeien.“
Dieſe Gefahr war alſo überſtanden, aber die Beſchwerlichkeiten wollten immer noch nicht enden. Die Reiſenden mußten über das gewaltige Ge⸗ birge Tant La, in welchem immer eine Kette amphitheatraliſch über die an⸗ dern emporſteigt. Sechs Tage mußten ſie hinan klimmen, bevor die Hoch⸗ ebene erreicht wurde, auf welcher ſie zwölf Tage im Schnee wanderten, und dann unter eben ſo großer Anſtrengung vier Tage lang hinabſtiegen an dem zugleich langen, ſchroffen und jähen Abhang, der einer Rieſentreppe gleicht, auf welcher jede einzelne Stufe ein Gebirge iſt.
Endlich gelangten ſie wieder zu einem menſchlichen Wohnort, dem erſten Platze in Thibet, Na Pteſchu, von wo Lhaſſa, das Ziel ihrer Reiſe, nur noch etwa ſechszehn Tagreiſen entſernt iſt. Am fünfzehnten Tage erreichten ſie Pampu, das von den Pilgern als Vorhalle des ewigen Heiligthums be⸗ trachtet wird, denn es liegt nahe bei Lhaſſa und iſt von dieſem nur durch


