74 Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde.
worden. So lange einige Hoffnung dämmerte, nahm man ſie mit, wenn ſie aber nicht mehr eſſen und ſprechen, nicht mehr auf dem Kameel oder zu Pferde ſitzen konnten, ließ man ſie am Wege zurück. Verloren waren ſie doch einmal! Ein herzzerreißender Anblick! Als letzten Beweis der Theil⸗ nahme ſtellten wir ein mit Gerſtenmehl gefülltes Näpfchen neben den Er⸗ frierenden; dann zog man weiter. Geier und Raben lauerten ſchon auf die ſichere Beute.—
Und in dieſer eiſigen Wüſtenei und bei ſolcher Kälte laueren der Ka⸗ rawane Räuber auf! Es ſind Oſtthibetaner, Kolo; ſie haben ihre Schlupf⸗ winkel in den Quellgegenden des Hoang ho, in ſchwer zugängigen Berg⸗ ſchluchten, wo ſie durch wilde Bergſtröme und tiefe Schluchten gegen Feinde geſichert ſind, und von wo aus ſie in die Wüſte ziehen um den Reiſenden aufzulauern. Sie verehren Buddha ſehr andächtig, noch andächtiger jedoch eine beſondere Gottheit, nämlich jene des Raubes, die ihre beſonderen Lamas und ihren eigenen Cultus hat. Die Mongolen behaupten, der Kolo eſſe das Herz ſeiner Feinde, weil er glaube, daß dadurch ſein eigenes Herz noch muthiger werde.
Nicht bloß die Steppe hat ihre Romantik, auch der thibetaniſchen Bergeinöde bleibt ſie nicht fremd. Als die Reiſenden durch ein beſchneietes Thal zogen, kamen ihnen ſieben und zwanzig Reiter entgegen, ſie trugen Luntenflinten, und im Gürtel zwei mächtige Säbel; das lange Haar hing in Flechten herab; über den Kopf war ein Stück Wolfsfell gezogen. Die Zahl der Reiſenden betrug nur achtzehn. Laſſen wir die letzteren ſelbſt erzählen.
„Beide Theile ſtiegen ab. Ein muthiger Thibetaner, Anführer unſerer kleinen Karawane, trat vor, um mit dem Räuberhauptmann zu reden, den er an zwei hinter dem Sattel flatternden rothen Fähnchen erkannte. Nach einem lebhaften Zwiegeſpräch fragte der Kolo, auf Herrn Gabet zeigend, der krank und deßhalb auf dem Kameele ſitzen geblieben war:„Wer iſt der Mann, welcher nicht abſtieg?“—
„Ein Oberlama aus dem Weſten, und die Macht ſeines Gebetes iſt unendlich.“ Der Kolo legte ſeine gefalteten Hände an die Stirne und blickte Herrn Gabet an, welcher in ſeinem armſeligen Zuſtande ausſah wie ein Götzenbild. Dann flüſterte er dem thibetaniſchen Kaufmann einige Worte zu, gab ſeinen Gefährten ein Zeichen, und gleich darauf ſprengten alle fort. Der Thibetaner äußerte:„Wir wollen nicht weiter gehen, ſondern hier la⸗ gern; die Kolo ſind Räuber, doch ihr Herz iſt großmüthig. Sie werden uns


