Jahrgang 
3 (1855)
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Von Hermann Emmerich. 73

des Bodens und bleibt dort wie ein Schleier hängen, bis der Wind es in Bewegung ſetzt, auseinander treibt und dadurch unſchädlich macht.

Doch dieſe Beſchwerden und Gefahren waren noch gering im Vergleich zu jenen die bald nachfolgten. Die große Karawane mußte ſich in eine Menge kleiner Trupps auflöſen, weil die Weiden für das Vieh immer dürftiger wurden. Die Reiſenden hatten auf dem Bayan⸗Kharat⸗Gebirge die höchſten für Menſchen paſſirbaren Gegenden Hochaſiens erreicht. Und dort ſtürmte volle vierzehn Tage lang bei heiterm Wetter ein ſchneidender Nordwind. Die Kälte war ſo entſetzlich, daß alle Reiſenden unabläſſig in Furcht ſchweb⸗ ten, zu erfrieren. An jedem Morgen genoſſen die beiden Miſſionäre etwas Thee mit Gerſtenmehl und dann bis zum Abend nichts mehr. Um unter⸗ wegs einen Imbiß zu haben, kneteten ſie Kugeln aus Mehl und Thee; dieſe wickelten ſte in ein heißes Tuch und legten ſie auf die bloße Bruſt. Sie wa⸗ ren mit einem großen Schaafpelz, mit einem Rocke von Lammfell, einer kur⸗ zen Jacke aus Fuchspelz und einem dicken wollenen Wamms bekleidet; nichts deſto weniger gefroren ihnen dieſe Mehlkugeln auf dem bloßen Leibe, denn wenn ſie dieſelben hervorzogen, hatten ſie Eiskitt in der Hand, den ſie hinab⸗ würgen mußten, um nicht zu verſchmachten. Die Pferde und Maulthiere waren in Filzdecken genäht; den Kopf hatte man ihnen dicht mit Kameel⸗ wolle umwickelt. Viele Menſchen erlagen; manche mußten unterwegs noch lebend zurückgelaſſen werden.

Eines Tages waren unſere Thiere ſo erſchöpft, daß wir hinter unſerm Karawanentrupp zurückblieben. Da ſahen wir einen Reiſenden etwas abſeits auf einem Steine am Wege ſitzen. Der Kopf hing ihm auf die Bruſt hinab, die Arme waren feſt an die Seite gedrückt; er ſaß da wie eine Bildſäule. Auf unſern Zuruf gab er keine Antwort. Als wir näher traten, erkannten wir in ihm einen jungen mongoliſchen Lama, der uns oft in unſern Zelten beſucht hatte. Sein Antlitz ſah aus als wäre es von Wachs, ſeine offenen Augen waren wie gläſern, an Naſe und Mund hingen Eiszapfen. Wir hielten ihn für todt. Doch er bewegte die Augen, die uns mit einem ent⸗ ſetzlichen Ausdruck von Stupidität anglotzten. Der Unglückliche war erfro⸗ ren, ſeine Gefährten hatten ihn zurückgelaſſen. Wir aber nahmen ihn auf und ſetzten ihn wohleingehüllt auf ein Maulthier. Gegen Abend ſuchten wir ſeine Gefährten auf, die dankbar vor uns niederknieten. Aber als wir wie⸗ der in unſer Zelt kamen, war der Lama todt. Damals ſind mehr als vierzig Reiſende noch lebendig, aber ſchon erfroren in der Bergwüſte zurückgelaſſen