Jahrgang 
3 (1855)
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Von Hermann Emmerich. 79

zweiten hatte er erſtickt, den dritten vergiftet. Das Protokoll darüber wurde nach Peking geſchickt.

Drei Monate ſpäter war die Hauptſtadt von Thibet in einer fürchter⸗ lichen Aufregung. Am Palaſte des Nomekhan und in den Hauptſtraßen war eines Morgens ein großes mit thibetaniſchen, mongoliſchen und chine⸗ ſiſchen Schriftzeichen bedrucktes Papier zu ſehen. Es war ein gelbes kaiſer⸗ liches Edict mit einem Rande von geflügelten Drachen. In demſelben legte der Kaiſer die vom Nomekhan verübten Verbrechen dar und that männig⸗ lich kund, daß er dieſen böſen Mann zur Strafe in einen fernen Winkel der Mandſchurei verbanne. Darüber geriethen die Mönche von Sera in wilde Wuth, ſtürmten bewaffnet nach Lhaſſa und wollten alle Chineſen nieder⸗ metzeln. Die thibetaniſchen Miniſter leiſteten Widerſtand, und die Mönche mußten in ihr Kloſter zurückflüchten. Seitdem iſt Ruhe in Thibet geweſen; der 1844 erwählte buddhiſtiſche Papſt iſt nicht ermordet worden.

In dieſer heiligen Stadt verweilten die Miſſionäre zwei Monate lang unangefochten. Insbeſondere der weltliche Regent und das Oberhaupt der in Lhaſſa lebenden Mohamedaner bewieſen ihnen treue Freundſchaft und unendliche Güte. Auch der Bevollmächtigte des Kaiſers von China verfuhr gegen die offen mit ihren ſubverſiven Beſtrebungen hervortretenden Fremd⸗ linge mit einer Rückſicht und einer feinen Höflichkeit, mit einem ſo hohen Grade von Humanität, daß die Jahrbücher europäiſcher Behörden gar kein Beiſpiel daneben zu ſetzen haben. Er ſagte: Wohl wiſſe er, daß die Reli⸗ gion des Himmelsherrn, nämlich die chriſtliche, hochheilig ſei, und er achte ſie ſehr. Doch wäre es vom Geſetz verboten, ſie im Reiche auszubreiten. Ich bin vom Kaiſer hiehergeſchickt worden, um den lebendigen Buddha zu beſchützen; es iſt alſo meine Pflicht, alles zu entfernen, was ihm Nachtheil bringen könnte. Verkündiger der Religion des Himmelsherrn, Leute die im übrigen ganz vortreffliche Abſichten haben mögen, verbreiten eine Lehre, die im Grunde darauf abzielt, das Anſehen des Tale Lama zu untergraben und ſeine Macht zu ſtürzen. Ihr eingeſtandener Zweck geht darauf hin, ihre Re⸗ ligion an die Stelle des Buddhismus zu ſetzen und alle Bewohner von Thibet für ihre Lehre zu gewinnen. Was ſoll aus dem Tale Lama werden, wenn er keine Verehrer mehr fände? Die Einführung der fremden Lehre zielt darauf ab, das Heiligthum des Buddha La, folglich die lamaiſche Hier⸗ archie und die thibetaniſche Regierung zu ſtürzen. Darf ich euch in Lhaſſa dulden? Beantwortet die Frage ſelbſt.