Jahrgang 
3 (1855)
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70 Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde.

ausgeſtellt. Alles iſt nicht durch Oel, ſondern eben auch durch Butter be⸗ leuchtet; die Kunſtwerke ſtrahlen in wunderbarem Glanz. Auf Gerüſten ſtehen große metallene Kelche, aus welchen lichte Helle herausbricht. Die beiden Miſſionäre konnten ſich vor Erſtaunen über das ſeltſame Schauſpiel kaum faſſen. Wir hätten, ſagen ſie, kaum für möglich gehalten, daß in der mongoliſchen Wüſte unter zum Theil halbwilden Völkern ſo ausgezeich⸗ nete Künſtler vorhanden ſeien. Die Butterfiguren waren in Basrelief und zum Theil von koloſſaler Größe. Sie ſtellten Begebenheiten aus der Geſchichte des Buddhismus dar; der Ausdruck der Phyſtognomien war wunderbar treu, die Gruppirung der Figuren natürlich und voll Leben, die Tracht zwanglos und anmuthig, auf den erſten Blick ließ ſich erkennen, welche Zeugſtoffe der Maler hatte darſtellen wollen, und geradezu bewun⸗ dernswürdig erſchien die Nachbildung des Pelzwerks. Dem Antlitze Bud⸗ dhas hatten die mongoliſchen Künſtler die Phyſiognomie der kaukaſiſchen Race gegeben. Die Verzierungen, welche als Rahmen die großen Bas⸗ reliefs umgaben, ſtellten Thiere und Blumen vor, gleichfalls in Butter und in Form und Färbung fein und prächtig. Auf den Wegen zwiſchen den verſchiedenen Tempeln, waren kleinereBlumen aufgeſtellt; Jagden, Begebenheiten aus dem Nomadenleben, Anſichten von Klöſtern und der⸗ gleichen mehr. Vor dem Haupttempel war ein Theater von Butter, mit Decorationen von Butter, mit Perſonen von Butter; letztere etwa einen Fuß hoch. Gebet in den Tempel begeben. Auch Gruppen von Teufeln fehlten nicht. Plötzlich entſtand eine große Bewegung in den Menſchenmaſſen; das Schmet⸗

Sie ſtellten eine Verſammlung von Lamas dar, die ſich zum

tern der Trompeten und der dumpfe Ton der Seemuſchel verkündeten das Herannahen des buddhiſtiſchen Erzbiſchofes, der als Oberlama höchſter Würdenträger der Kloſtergemeinde, zugleich lebendiger Buddha iſt und auch den Krummſtab und violetten Mantel trägt. Er beſchauete alle die Butterherrlichkeiten mit ernſter Würde. Als er in ſein Kloſterhaus zu⸗ überließ alles ſich der tollſten Luſtigkeit; ſämmtliche Blumen wurden unter wildem Lärm zerſchlagen, und die ungeheuren Maſſen

rückgekehrt war,

von Butter am andern Morgen in die Schlucht getragen, ein Leckermahl für die zahlreichen Raben.

Einen Tumult ganz anderer Art erlebten die beiden Reiſenden unweit von Kunbum, in der Handelsſtadt Tan Keu Eül, wo Menſchen aus allen

Theilen der Mongolei und der angrenzenden Länder zuſammenſtrömen, und