Von Hermann Emmerich. 69
Sie fühlen ſich tief bewegt und preiſen dieſe buddhiſtiſchen Lamas, welche andersgläubige Fremdlinge„ſo hochherzig, gaſtfrei und brüderlich aufneh⸗ men,“ und den geraden Gegenſatz zu den vertrockneten, habgierigen und krämerhaften Chineſen bilden, die dem Reiſenden keinen Tropfen Waſſer ohne Bezahlung geben. Als die Miſſionäre ihre Gemächer beziehen, laſſen ihre neuen Hausgenoſſen es ſich nicht nehmen, ihnen ihr Gepäck zu tragen, die Zimmer zu kehren, den Ofen zu heizen und den Stall in Ordnung zu bringen.
Der Hausbeſitzer war ein alter Lama, hatte ſein Vermögen in guten Werken verzettelt, aber ſein zufriedenes Gemüth bewahrt. Zur Miethe wohnten bei ihm ein alter geiziger Chineſe, der Koffer voll Silberſtangen beſaß und ſich in Lumpen kleidete; ein Knabe der bei ihm das Beten lernen ſollte, und ein ſtotternder Candidat der Arzneiwiſſenſchaft. Kunbum zählt etwa viertauſend Geiſtliche; es hat eine entzückend ſchöne Lage am Abhange eines hohen Berges, über einer bewaldeten Thalſchlucht; an den Abhängen ſind die Wohnungen der Lamas, kleine und große, alle von einer Mauer umzogen und ſauber geweißt, umher zerſtreut, dazwiſchen erheben ſich gold⸗ funkelnde Tempel; von den Dächern der Oberprieſter flattern Fähnchen; auf allen Wänden liest man in großen thibetaniſchen Schriftzügen, ſchwarz oder roth gemalt, fromme Sprüche; man findet ſie auch auf Thüren, auf Steinen, auf Papierſtreifen, auf Wimpeln an hohen Stangen. In den Straßen ſieht man nur Lamas mit rothen Röcken und gelben Mützen; ſie ſchreiten ernſt und würdig einher, ſprechen wenig und niemals laut, halten ſich meiſt in ihren Zellen auf, oder wandeln zur Erholung in den Buſch⸗ gängen in der Nähe dieſer heiligen Stadt, in welcher faſt an jedem Tage Pilger aus weiter Ferne anlangen. Zur Zeit des Blumenfeſtes aber drän⸗ gen ſie ſich zu tauſenden herbei.
Dieſes Blumenfeſt der mongoliſchen Lamas in der Kloſtergemeinde Kunbum iſt einzig in ſeiner Art. Die„Blumen“ ſind nicht etwa Kinder der Flora, ſondern Bilder, welche geiſtliche oder weltliche Gegenſtände dar⸗ ſtellen, auch die verſchiedenen aſiatiſchen Völker in Phyſiognomie, Trachten, Landſchaften, Schmuck ꝛc.,— alles in Figuren aus friſcher Butter. Drei Monate lang ſind die Künſtler, nach Anweiſung eines Rathes der Künſte damit beſchäftigt die Figuren herzurichten. Skizzen und Pläne für die ver⸗ ſchiedenen Gruppen und Figuren liegen bereit. Aus den Händen der Bild⸗ ner gehen die Sachen in jene der Maler über. Am dritten Tage des großen Feſtes werden dieſe„Blumen“ in freier Luft vor den verſchiedenen Tempeln


