* 68 Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde.
Lamas am Bergabhange zerſtreut lagen, und wie die Dome der rieſigen Tempel ſich gleich Geiſterphantomen vom blauen Himmel abhoben. Ueber der ganzen Stadt lag tiefe Ruhe, feierliches majeſtätiſches Schweigen, das nur einigemale durch fernherſchallendes Hundegebell unterbrochen wurde oder durch den dumpfen melancholiſchen Ton der Seemuſchel, auf welcher ein Wächter bläst um die Stunde zu melden. Endlich erreichten die Miſſio⸗ näre das Haus in welchem ſie übernachten ſollten. Die vier Lamas bereiteten ihnen Thee, trugen Butter, Schöpſenfleiſch und Brod auf, und überließen danach die Fremden der Ruhe. Am andern Morgen erſchien ihr Sprach⸗ lehrer und brachte ein Frühmahl. eine große lakirte Schüſſel, breitete Roſapapier darüber und ordnete vier Das Ganze bedeckte er mit einer Khata.
Eine Glücksſchärpe, ein ſeidenes Tuch von
Dann öͤffnete er einen Schrank, nahm
ſaftige Birnen ſymmetriſch.
Was iſt eine Khata? länglich viereckiger Geſtalt, das in der Mongolei, insbeſondere aber bei den Thibetanern eine große Rolle ſpielt. Es iſt dünn, wie Gaze gewoben und weiß oder bläulich, dreimal ſo lang als breit und an jedem Ende ausgefranzt. Auch der Allerärmſte kann der Khata nicht entbehren. Wenn ich einen Höflichkeitsbeſuch mache, wenn ich jemand um etwas bitte, oder ihm für etwas danke, wenn ich einem Freunde nach längerer Zeit wieder immer muß ich damit anfangen, daß ich die Khata in beide Schreibe ich
begegne, Hände nehme und ſie überreiche bevor ich ein Wort rede. einen Brief, ſo muß ich eine kleine Khata mit einſchlagen. So will es die Höoͤflichkeit, und man legt einen ganz unglaublichen Werth auf dieſe Khata. Das werthvollſte Geſchenk und die ſchönſten Worte ſind gar nichts ohne dieſe Glücksſchärpen, von denen jährlich viele Millionen verkauft und ver ſchenkt werden.
Mit der Schüſſel, den Birnen und der Khata begeben ſich nun die beiden Chriſten auf die Straße um den Mitbewohnern des Hauſes, welches ſie zu beziehen gedenken, einen Antrittsbeſuch zu machen. Unterwegs be gegnen ſie vielen Geiſtlichen, aber keiner wirft einen neugierigen Blick auf ſte. Endlich langen ſie vor der Thüre an, treten ein und befinden ſich auf einem Hofraum. Der Hausbeſitzer iſt eben damit beſchäftigt Roßdünger in der Sonne zu trocknen, um Brennſtoff zu bereiten, denn Holz und Koh⸗ len ſind in der Mongolei ſehr ſelten. Sobald er die Fremden erblickt, legt er ſeine geiſtliche Schärpe um, geleitet jene in ein Zimmer, bietet ihnen Thee und weist ihnen eine ſehr bequeme und gemächliche Wohnung an.


