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Von Hermann Emmerich. 65
ſtehen, in Fleiſch von Rehen, Hirſchen und Bären, das während der kalten Winterszeit auch aus entlegenen Theilen der Mongolei nach Peking gebracht werden kann; ferner Faſanen, Fiſche, eßbare Schwämme, gewürzige Pflanzen und Pelzwerk. Eine ganz eigenthümliche Abgabe muß von einem der Banner in Tſchakar erlegt werden. Die Mongolen werden bekanntlich in Fahnen oder Banner eingetheilt, deren jedes ſeine eigene Farbe hat und nach der⸗ ſelben benannt wird. Jene Tſchakarfahne hat alljährlich eine große Menge Faſaneneier an den Hof zu liefern, die bei der Bereitung der Pomade für das kaiſerliche Frauenzimmer verwandt werden und dem Haar der Schönen im Palaſt einen ganz beſondern Glanz verleihen.
Zur Neujahrscour erſcheinen in Peking manchmal nahebei zweihundert mongoliſche Fürſten. Jedem wird eine eigene Palaſtherberge angewieſen, und zwar allen in demſelben Stadtviertel, das unter Aufſicht eines Groß⸗ würdenträgers der Krone ſteht. Die Fürſten haben mit dem Kaiſer nicht etwa eine Unterredung; er hält ſie fern; ſie ſind nur da um den ſteifen Pomp einer aſiatiſchen Feierlichkeit zu erhöhen. So will es„der Beherr⸗ ſcher der vier Weltmeere und der zehntauſend Völker auf Erden.“ Ihm liegt die Pflicht ob, am erſten Tage des erſten Mondes den Tempel ſeiner Ahnen und Vorfahren zu beſuchen. Vor dem Eingang ſtellen die Fürſten ſich auf, zu beiden Seiten drei Reihen bildend, alle in prächtigſter Staats⸗ tracht von Seide. Sie harren des Kaiſers, der zu anberaumter Zeit mit pomphaftem Gefolge aus ſeiner„Gelben Stadt“, das heißt ſeinem Palaſt hervorkommt. Zu jener Stunde ſind die Gaſſen von Peking ſchweigſam und menſchenleer; denn es iſt bei Todesſtrafe geboten, alle Thüren ver⸗ ſchloſſen zu halten und ſtill im Hauſe zu bleiben. Sobald der Monarch die erſte Stufe der langen ſanftanſteigenden Treppe berührt, auf welcher die Fürſten ſeiner warten, rufen die Herolde:„Werft euch alle nieder, hier iſt der Erde Gebieter!“ Die zweihundert Könige antworten:„Zehntauſendmal Glück und Heil!“ und werfen ſich zur Erde, ſo daß ihr Geſicht den Staub berührt. Es iſt verboten den Kaiſer anzuſchauen. Der Sohn des Himmels durchſchreitet die Reihen und wirft ſich ſeinerſeits zu Boden, ſobald er die Stätte im Tempel erreicht hat, wo die Namenstafeln ſeiner Vorfahren ſich befinden. Die zweihundert Fürſten bleiben inzwiſchen liegen bis der Kaiſer ſeine Andacht verrichtet hat und wieder durch ihre Reihen zurück geſchritten iſt. Darin beſteht die ganze Feierlichkeit, und um ihr beizuwohnen, müſſen
Hausblätter. Jahrg. 1855. III. Bd. 5


