Jahrgang 
3 (1855)
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Von Hermann Emmerich. 63

nicht, daß ein ſo einflußreicher Prieſter ein Mongole von Geburt ſei; die Staatsklugheit verlangt, ihn im Auslande wieder lebendig werden zu laſſen.

Ueberhaupt verſtand es die feine Politik des pekinger Hofes, die vielen mongoliſchen Stammfürſten, obwohl ſie über ein ſo ausgedehntes Steppen⸗ land vertheilt ſind, und oft einige hundert Meilen von China entfernt ihre Zelte aufſchlagen, in ſtrenger Abhängigkeit zu erhalten. Er verlangt, daß ſie an jedem Neujahrstage in ſeinem Palaſt zu Peking erſcheinen und die große Cour mitmachen; nur ſolche die im fernen Weſten des Reiches woh⸗ nen, haben in ſoweit eine Begünſtigung erlangt, daß ſie nur an jedem zweiten oder dritten Neujahrstage ſich einzufinden brauchen. In Folge dieſes Zwanges erhält dann die gelbe Sandwüſte oder die grüne Steppe zeitweilig einen poetiſchen Anſtrich, wird Zeuge einer Romantik, die an un⸗ ſere Ritterzeiten erinnert.

Unſere Reiſenden hatten in den Einöden der Ordos, unfern der ſoge⸗ nannten Hundert Brunnen ihr Zelt aufgeſchlagen und genoßen ihr einfaches Mahl. Da ſahen ſie, wie aus einer von zwei ſteilen Bergen gebildeten Schlucht eine Karawane hervor kam, ſchwer beladene Kameele in langer Reihe, und zu beiden Seiten reichgekleidete Reiter. Vier derſelben, Man⸗ darinen vom blauen Knopf ſprengten heran. Der eine ſprach:Meine Herren Lamas, Friede ſei mit euch! wohin lenkt ihr eure Schritte? Wir ſind Männer aus dem fernen Weſtlande und ziehen auch gen Weſten. Mongoliſche Brüder, ihr kommt in großer Anzahl durch die Wüſte, euer Zug iſt glänzend; wohin wollt ihr?Wir ſind aus dem Reiche Ale⸗ ſchan; unſer König zieht gen Peking, um ſich niederzuwerfen vor dem, welcher unter dem Himmel thront.

Nach dieſen Worten erhoben ſich die vier Reiter ein wenig in ihren Sätteln, grüßten und vereinigten ſich wieder mit der Karawane, die in⸗ zwiſchen näher kam. Der König war unterwegs um dem Kaiſer ſeinen Glückwunſch zum Neujahre darzubringen. Voran zog eine Vorhut; dann kam ein von zwei Maulthieren getragener Tragſeſſel mit goldenen Stangen, ſeidenen Franzen und mit Drachen, Vögeln und Blumen bemalt. In demſelben ſaß der mongoliſche Fürſt mit übereinander geſchlagenen Bei⸗ nen. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren und mit gutmüthigem Geſichtsausdruck. Die beiden Miſſionäre riefen ihm zu:König der

Aleſchan, möge Frieden und Glück deine Schritte begleiten. Der König