Jahrgang 
3 (1855)
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62 Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde.

handen; im Ganzen hatte dieſe eine Stadt an zwanzigtauſend Mönche. In dem Kloſter der fünf Thüren lebt ein Hobilgan, das heißt ein Oberlama, der ſich mit der Urſubſtanz des Gottes Buddha identificirt und ſchon manche Seelenwanderungen durchgemacht hat.

Jenes Kloſter war einmal Schauplatz eines blutigen Ereigniſſes. Kai⸗ ſer Kang Hi hatte einen Kriegszug gegen das mongoliſche Volk der Oclöten unternommen und war nach Kuku Hote gekommen. Dort reſidirte in dem eben genannten Kloſter der fünf Thüren ein lebendiger Gott; er war Ober⸗ haupt der Lamahierarchie und führte den Titel Guiſon Tamba. Der Kai⸗ ſer macht ihm einen Beſuch und nahet ſich mit Ehrfurcht dem Sitze auf welchem der geiſtliche Herr thront. In ungöttlichem Uebermuth würdigt der Guiſon Tamba den Beherrſcher des Reiches der Blume der Mitte kaum eines Blickes, erhebt ſich nicht, thut als ob er den Monarchen nicht ſehe. Darüber iſt ein Kian Kiun, das heißt ein militäriſcher Obermandarin, äußerſt empört; er rächt den Schimpf, welcher ſeinem Kaiſer von dem mit untergeſchlagenen Beinen daſitzenden Geiſtlichen angethan wird, indem er denſelben niederſäbelt. Der Gott rollt in den Staub hinab. Aber nun entſteht Aufruhr in allen Klöſtern, die tauſend und abertauſend Mön⸗ che erheben ſich und beſtürmen in wildem Tumulte den Kaiſer, welcher dem feurigen Obermandarin ſeine raſche That verweist. Der Soldat ent⸗ gegnet:War der Guiſon Tamba kein lebendiger Gott, weßhalb iſt er denn vor ſeinem und meinem Kaiſer, dem Beherrſcher der Welt nicht auf⸗ geſtanden und ihm achtungsvoll begegnet? Und war er ein lebendiger Gott, weßhalb hat er dann nicht gewußt, daß ich ihn niederhauen würde? Aber bei dieſer Logik beruhigten ſich die Lamas nicht; faſt alle Begleiter Kang Hi's wurden in dieſem Aufſtand erſchlagen, und der Kaiſer ſelbſt konnte ſich nur mit genauer Noth in der Verkleidung eines gemeinen Sol⸗ daten retten. Jener übermüthige Guiſon Tamba iſt aber bald nachher ver⸗ mittelſt der Seelenwanderung wieder lebendig geworden im Lande der Khal⸗ kas Mongolen, unweit der ruſſiſch⸗ſibiriſchen Grenze. Dort kann man ihn ſehen in der großen Kloſterſtadt Kuren, wo die Lamas zum Andenken an jene Mordthat in Kuku Hote noch einen ſchwarzen Rand am Kragen ihres Rockes tragen. Der chineſiſche Kaiſer hat indeſſen befohlen daß der Guiſon Tamba, wenn er aus ſeiner irdiſchen Hülle ſcheidet, ſeine Wiedergeburt und Seelenwanderung nicht in der Mongolei, ſondern im fernen Thibet zu be⸗ werkſtelligen habe, was denn auch allemal geſchieht. Der Monarch will

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