Jahrgang 
3 (1855)
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Von Hermann Emmerich. 61

irrten Kameels. Aber ach, ihm fehlt die Kraft den Bogen ſeiner Ahnen zu ſpannen, ſein Auge erſpähet nicht die Liſten des Feindes. O göttlicher Timur ꝛc.

Der letzte Vers dieſes Bardenliedes lautet folgendermaßen:

Wir haben wohlriechendes Holz vor den Füßen des göttlichen Timur verbrannt, mit der Stirn am Boden haben wir ihm das grüne Blatt des Thees und die Milch unſerer Heerden geopfert. Nun ſind wir bereit, die Mongolen ſtehen aufrecht, o Timur! Und du, Lama, mache daß Glück auf unſere Pfeile und Lanzen herabſteige! O göttlicher Timur, wird deine große Seele bald wieder geboren werden? Komm, kehre zurück, wir harren dein, o Timur!

Mehr als einmal begegnete den Reiſenden ein lebendiger Gott, ein vermittelſt der Seelenwanderung Fleiſch gewordener Buddha. Einſt trafen ſie mit einem ſolchen aus dem Königreich Kartſchin zuſammen, der nach dem ewigen Heiligthum, nämlich nach der Stadt Lhaſſa, eine Wallfahrt unternahm. Er war ein Jüngling von achtzehn Jahren, angenehmen Um⸗ gangsformen und fern von allem Hochmuth. Man hatte ihn zum Scha⸗ beron, das heißt, für einen lebenden Buddha erklärt, als er erſt ſechzig Monat alt war, und er ſollte nun in einem Kloſter des buddhiſtiſchen Rom ſeine theologiſchen Studien vollenden. Ein Bruder des Königs von Kart⸗ ſchin und mehrere hohe Geiſtliche geleiteten ihn. Er beſuchte die Miſſionäre, ließ ſich viel über Europa erzählen, fand alles was ihm über die europäiſche Religion mitgetheilt wurde, recht hübſch, lehnte aber die Zumuthung der beiden abendländiſchen Lamas ab, ſelber dem Glauben ſeiner Väter den Rücken zu kehren. Sie waren dreiſt genug den jungen Gott nach ſeinen früheren Seelenwanderungen zu fragen, erhielten indeſſen keine befriedigende Antwort.

In der mongoliſchen Steppe iſt die Zahl der Kloſter unzählig; minde⸗ ſteus jeder fünfte Menſch iſt ein Geiſtlicher und damit für immer zur Che⸗ loſigkeit verdammt. Wahrſcheinlich hat nie zuvor ein Chriſt Gelegenheit gehabt, das Kloſterleben der Buddhiſten ſo gründlich kennen zu lernen, wie Huc und Gabet. Oft verweilten ſie monatelang unter dem gaſtlichen Dache buddhiſtiſcher Prieſter, deren Anſichten und Lebensweiſe ſie auf eine ſehr anſchauliche Weiſe darſtellen. In Kuku Hote oder der blauen Stadt, einer keineswegs großen Ortſchaft, fanden ſie in fünf großen Klöſtern mehr als zehntauſend Lamas; außerdem waren noch fünfzehn kleinere Klöſter vor⸗