60 Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde.
man eine mongoliſche Veſper nennen könnte. Man pflegt an jenem Mor⸗ gen ſeinen Bekannten einige kleine Kuchen zu ſchicken, gleichſam Viſttenkarten; im Jahre 1368 ſteckte in jedem ſolcher Kuchen ein kleiner Papierzettel, zum Zeichen, daß man über die Mongolen herfallen ſolle. Das geſchah; alle in China zerſtreuten Mongolen wurden ermordet. Den Nachkommen dieſer letzteren iſt aber das Andenken an jenen blutigen Tag faſt abhanden ge⸗ kommen. Der Gaſtfreund der Miſſionäre kannte freilich das Exeigniß und bemerkte, daß die Zeit kommen werde, da man von den Chineſen Re⸗ chenſchaft verlangen wolle. Dann ſprach er weiter zu den chriſtlichen Mön⸗ chen:„Heilige Männer, für uns iſt heute Feſttag dadurch, daß ihr meine ſchlichte Wohnung beehrt.“ Und dann wurde ein homeriſches Gaſtmahl veranſtaltet. Der Sohn des Zeltbeſitzers brachte einen mächtigen Hammel, zerlegte ihn und ſchnitt den ſaftigen Schwanz der Länge nach durch; dieſes acht Pfund ſchwere Prachtſtück wurde den beiden Gäſten als Ehrengericht aufgetiſcht, dazu trank man Thee; dann trat ein Spielmann auf, nahm eine Cither mit drei Saiten von einem an der Zeltſtange befeſtigten Bockshorn, und machte Muſik. Er war ein Toolholos oder Barde, ein fahrender Sänger, deren es viele gibt. Sie wandern von einem Zelte zum andern, ſind überall willkommen und ziehen wohlbegabt von dannen, um ander⸗ wärts in der Steppe, im„Lande der Gräſer,“ volksthümliche Lieder zu ſin⸗ gen, durch welche mongoliſche Heroen verherrlicht werden. Jener Toolholos ſtimmte auch ein Lied an von dem gewaltigen Timur, dem Weltſtürmer Tamerlan, vor welchem Morgenland und Abendland erbebte. Noch lebt die Erinnerung an ihn. Der Barde ſang:„Als der göttliche Timur unter unſeren Zelten wohnte, da war das Volkder Mongolen furchtbar und kriegeriſch; wenn er ſich rührte, dann erzitterte die Erde; ſein Blick machte die zehn⸗ tauſend Völker erſtarren, welche die Sonne beſcheint. O göttlicher Timur, wird deine große Seele bald wieder geboren werden? Komm zurück, kehre wieder; wir erwarten dich, Timur!“
„Wir leben auf unſeren weiten Steppen ſanft wie Lämmer und ruhig; aber in unſerm Herzen, das voll Feuer iſt, kocht es. Das Andenken an Timur's ruhmreiche Zeit verfolgt uns ohne Unterlaß. Wo iſt der Held, der uns zu Kriegern machte und ſich an unſere Spitzen ſtellt? O göttlicher Timur ꝛc.“
„Der junge Mongole hat einen ſtarken Arm; er kann den wilden Hengſt bändigen; er erkennt ſchon von fern im Graſe die Spur des ver⸗
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