Jahrgang 
3 (1855)
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3 58 Aus dem Gebiete der Länder⸗ und Völkerkunde.

und die reißenden Thiere haben für dieſe muthigen Männer keinerlei Schrecken. Sie beladen einige Kameele mit Kirchengeräth und wenigen Habſeligkeiten, ſteigen zu Pferde und wagen ſich, von einem einzigen Diener begleitet, hin⸗ aus in die unermeßliche Einöde. Sie leiden Hunger und Durſt, ſie ſind zufrieden, wenn ihnen nur Ziegelthee und Gerſtenmehl nicht mangelt, ſie verzichten auf alle Bequemlichkeit und verlaſſen ſich auf ihren glücklichen Stern. Als Lamas, das heißt Geiſtliche, aus dem Lande des Niedergangs, finden ſie überall wohlwollende Aufnahme. Sie treten als Gegner der Volksreligion auf, erklären offen, daß ſie gekommen ſeien dieſelbe zu be⸗ kämpfen und den Glauben an Buddha zu untergraben, um Jehova an deſſen Stelle zu ſetzen. Die Mongolen ſind tiefreligiöſe Menſchen und von An⸗ hänglichkeit an ihre Kirche durchdrungen. Was thun dieſeBarbaren, was thun die höher gebildeten Thibetaner den beiden europäiſchen Mönchen gegenüber, die eingeſtandenermaßen mit dem Wunſche und zu dem Zwecke erſcheinen, die Altäre Buddhas zu ſtürzen? Vertreibt man ſie, wie in Europa die Chriſten einander vertreiben? Stört man ſie im Verkündigen ihrer Lehre, jagt man die Verſammlungen, welche ſte veranſtalten mit Ba⸗ jonetten auseinander, quält, ängſtigt, verfolgt man ſte, oder verbrennt man ſie gar im Auto da fe, wie das alles die verſchiedenen chriſtlichen Par⸗ teien in dem angeblich nicht barbariſchen Europa vom Ural bis zur Meer⸗ enge von Cadiz tauſendmal und abertauſendmal gethan haben?

Nichts von alle dem; die buddhiſtiſchen Mongolen und Thibetaner ha⸗ ben das gerade Gegentheil beobachtet. Die chriſtlichen Lamas werden über⸗ all mit liebevoller Güte und rührender Gaſtfreundſchaft behandelt; auch der ärmſte Hirt theilt mit ihnen in der Jurte oder dem Zelte ſeinen Vorrath an Lebensmitteln; wenn ſie einem beliebigen Mongolen ſagen, daß ſie fern 8 hergekommen ſeien, um ihm eine wahre Religion, ſtatt eines falſchen Glau⸗ bens zu bringen, ſo jagt der Mongole ſie nicht aus dem Zelte, er thut ihnen * kein Leid, wie das bei Chriſten üblich iſt, die von der im Evangelium ge⸗ predigten Liebe gegen den Nächſten ſo vielfach nichts wiſſen, und den Fa⸗ natismus an deren Stelle ſetzen; der Mongole hört die chriſtlichen Mönche, die ſeinen Glauben gering achten, ruhig an, reicht ihnen Thee, Butter und

Mehl und ſagt ihnen, daß Gott alle Menſchen erſchaffen habe und daß ſie alleſammt Brüder ſeien. Man begegnet dieſen Lazariſten mit Wohlwollen und Aufmerkſamkeit auch in den Lamaklöſtern: man läßt ſie ihre Lehren erörtern, iſt ihnen behülflich bei Erlernung der Landesſprachen, gibt ihnen

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