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Von Hermann Emmerich. 57
lichen Weſens kann auch durch den Einfluß der Mohamedaner bewirkt worden ſein; denn in den Schaaren des Tien te ſpielen Muſelmänner eine hervorragende Rolle.
Noch verhalten ſich die dem chineſiſchen Kaiſer unterworfenen Völker außerhalb der großen Mauer ſtill und ruhig. Aber ſie tragen ihr Joch mit Widerwillen. Von Turkeſtan bis zum japaniſchen Meere, vom Altai bis zum Himalaya haßt man die Chineſen ingrimmig. Sie ſind dem ſchlichten, treuherzigen Mongolen, dem kräftigen, ſtreitbaren Thibetaner, dem ſtolzen Bekenner des Islam in der kleinen Bucharei in gleichem Maße unlieb. Die chineſiſche Oberhoheit ſtützt ſich lediglich auf Zwang und Gewalt. So⸗ bald der Thron in Peking zuſammenſtürzt, werden die Völker Hochaſiens ſich in Waffen erheben um ihre Selbſtändigkeit zu erringen.
Ich ſchicke dieſe Betrachtungen voraus um dem Leſer zu zeigen, daß auch die Völker Hochaſiens ihre große politiſche Bedeutung haben; doch ſoll hier weiter kein Gewicht darauf gelegt werden; es kommt nur darauf an, ſie in ihrem eigenthümlichen Leben und Treiben zu beobachten, in ihrer uns ſo durchaus fremdartig erſcheinenden Weiſe, in ihren merkwürdigen Sitten und Anſchauungen. Wir haben zwei ſichere Führer. Die franzöſiſchen Laza⸗ riſten Huc und Gabet durchzogen in unſeren Tagen die Mongolei von Nordoſt nach Südweſt auf einer Strecke von dreißig Längengraden und fünf⸗ zehn Breitengraden und ſind von Peking im nördlichen China nach Lhaſſa, der Hauptſtadt des Buddhismus, in welcher der aſtatiſche Papſt auf dem Berge Buddha La ſeinen Vatican hat, auf einem Wege gewandert, den vor ihnen noch kein Europäer betrat.
Dieſe beiden vortrefflichen Männer, welche auch das eigentliche China nach allen Richtungen durchſtreiften, gaben ſich mit wahrhaft apoſto⸗ liſchem Eifer einem unendlich mühſamen und lebensgefährlichen Berufe hin. Nachdem ſie längere Zeit in einem Dorfe jenſeits der großen Mauer, nördlich von Peking, einer kleinen Chriſtengemeinde in Lehre und gutem Beiſpiel vorangegangen, faſſen ſie den Entſchluß, durch die mongoliſche Wüſte zu gehen, bis nach Lhaſſa vorzudringen und dort, im buddhiſtiſchen Rom, wo der fleiſchgewordene Gott in ſeinem goldſchimmern⸗ den Tempelpalaſte thront, das Evangelium der Chriſten zu verkünden. Sie wiſſen, daß ſie nur unter unſäglichen Gefahren an ihr Reiſeziel gelangen können; aber die Hochwüſte Gobi mit ihren Sandſtürmen, das Schneegebirge mit ſeinem Eis und ſeinen Lawinen, die Steppenbrände und die Räuber


