Jahrgang 
3 (1855)
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54 Der hundertjährige Flaſchenkeller in N. Von J. D. Walter.

wollte, fühlte ſeinen Arm bei dieſem Anblick wie durch eine unſichtbare Macht gelähmt. Bleich vor Entſetzen trat er einen Schritt zurück. Da löſchte das Licht aus. Jeder glaubte ſchon, der Geiſt, der den Schatz be⸗ wache, habe es ausgeblaſen. Einer purzelte über den Andern. Alle ſuch⸗ ten ihr Heil in der Flucht. Keiner fand in der Angſt und Dunkelheit das Seil, an dem er ſich aufwinden wollte. Es war ein Moment der grenzen⸗ loſeſten Verwirrung. Die neuen Beſitzer bereuten es ſchon, das Skelett und den Grabſtein, das Kellerloch und den Flaſchenkeller gefunden zu ha⸗ ben. Sie hätten alles gern wieder herausgegeben für das Seil, das ſie an's Tageslicht, hinaus aus dieſem Bereich überirdiſcher Mächte führen ſollte. Da ging die verwünſchte Thüre heiſer kreiſchend auf. Eine geiſter⸗ bleiche Geſtalt erſchien mit einer Blendlaterne in derſelben.Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! murmelten die proteſtantiſchen Arbeiter. Das Beten half aber nichts. Die geiſterbleiche Geſtalt in der Thüre rührte ſich nicht von der Stelle.

Geiſterbleich ja wohl war er geiſterbleich vor Entſetzen, der Wirth des Muſeums, der eine Stunde vorher ſeinen Keller wohlverwahrt verlaſſen hatte und jetzt eine ganze Bande von Räubern darin rumoren hörte. Gei⸗ ſterbleich hielt er die Blendlaterne vor ſich und ſchaute mit aufgeriſſenen Augen in die dunkle Nacht hinunter, in der er nur hie und da düſtere Ge⸗ ſtalten ohne beſtimmte Umriſſe wahrnahm, und aus der ihm nur ein ver⸗ worrenes Getöſe vieler Männer entgegenſchallte. Es dauerte lange, bis er von den Leuten unten erkannt wurde, die der Schrecken gleichfalls blind gemacht hatte. Jetzt lösten ſich alle Räthſel. Nicht den Keller des alten Franziskanerkloſters hatte man aufgefunden, wohl aber war man mir nichts dir nichts eingebrochen in den Keller des daran ſtoßenden Muſeums.

Der ſchöne Traum von den eiſernen Kiſten war mit einemmal in nichts zerfloſſen, der noch ſchönere und reellere von dem hundert Jahr alten Fla⸗ ſchenkeller desgleichen. Halb beſtürzt und halb beſchämt ward der gegen⸗ ſeitige Rückzug angetreten. Der Muſeumswirth aber zählte die Häupter ſeiner lieben Champagnerflaſchen, und da kein theures Haupt abhanden ge⸗ kommen war, ſorgte er dafür, daß das neuentdeckte Kellerloch ſofort wieder vermauert wurde. In N. aber glauben die Leute ſteif und feſt immer noch an die 100,000 Goldgulden.