52 Der hundertjährige Flaſchenkeller in N.
ſollten. Die neuen Beſitzer lachten darüber, im Stillen aber dachten ſie, es könne denn doch möglich ſein, daß im Keller, deſſen Exiſtenz durch das Keller⸗ loch hinlänglich erwieſen war, allerdings noch ähnliche und, wer kann es wiſſen, vielleicht noch größere Schätze zu Tag treten möͤchten, als die kühnſte Phantaſie ſich eingebildet hatte.
Das Kellerloch war zu eng, um hindurchzukriechen. Man begnügte ſich vorerſt und warf einen Stein hinunter. Es währte ziemlich lange, bis er auffiel, und dann ſchallte es, als ob der Boden, den er gefunden, ge⸗ plattet ſei. Nun ließ man ein brennendes Licht an einer Schnur hinunter, zog es nach einiger Zeit wieder herauf, und da es fortbrannte, war man gewiß, über einem feuerfeſten, kellerartigen Gewölbe zu ſtehen. Jetzt ward das Loch mit kräftigen Artſchlägen erweitert. Der muthigſte Maurergeſelle ward an einem Seil um den Leib vorſichtig hinuntergelaſſen. Man hatte ihm den Auftrag gegeben, ſorgfältig an den Wänden umherzutappen und die Beſchaffenheit derſelben thunlichſt zu erkunden. Es dauerte eine geraume Weile. Eine unheimliche, erwartungsvolle, bange Stille herrſchte oben. Man hörte nichts als das Knirſchen des Seiles und tief unten das Tappen mit den Händen. Endlich ein Jubelruf, der mitten aus dem Bauch der Erde zu dringen ſchien.„Flaſchen, nichts als Flaſchen und Flaſchen!“ tönte es herauf, und man hörte der zitternden, aufs höchſte erregten Stimme des Maurers deutlich an, daß er vor hellem Jubel über den Fund ſchon halbwegs berauſcht war.„Flaſchen, nichts als Flaſchen und Flaſchen!“ das war der zündendſte Funke, der jemals in das Pulverfaß durſtiger Maurerſeelen fiel. Ringsum leuchtende Augen und trockene, lechzende Zungen. Nur die beiden neuen
Beſitzer ſchüttelten bedenklich den Kopf. Sie hätten lieber eine Kunde von ſchweren eiſernen Kiſten vernommen, indeſſen hofften ſite, daß das ſpäter nicht ausbleiben werde, und ein alter, Jahrhunderte lang vergrabener Fla⸗
ſchenkeller eines Franziskanerkloſters war nach ihrem Bedünken mindeſtens auch ein werthvoller Fund, der zu den größten Erwartungen berechtigte. Indeſſen hatte man das leere Seil wieder aufgezogen und ließ der
Reihe nach zuerſt ein Licht, dann die anweſenden Arbeiter Mann für Mann,
zuletzt die beiden neuen Beſitzer daran hinuntergleiten, ſo daß nur noch ein
einziger Arbeiter oben verblieb. Unten angekommen wuchs das Erſtaunen von Minute zu Minute. Man befand ſich in der That in einem Keller, in dem viele Tauſend Flaſchen aufgeſpeichert lagen. Alles war reinlich und geordnet, als wenn er vor wenigen Stunden erſt verlaſſen worden wäre.
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