Jahrgang 
3 (1855)
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Von Hermann Schmid. 47

Wir lebten nach wie vor zurückgezogen, denn meine gute Anne war ebenfalls nicht portirt auf die Freuden und Amuſements der Geſellſchaft. Dabei blühte ſte jeden Tag ſchöner und in vollſter Geſundheit, und es ver⸗ gingen Monate, in denen ich meiner jammervollen Gabe gar nicht gedachte. Glaubte demnach beinahe wieder, daß ſie von mir gewichen ſei. Wohl tauchte meine Beſorgniß wieder auf, als mein gutes Weib mich mit einem Erben zu erfreuen verſprach, und verging kein Tag, wo ich ſie nicht mit wachſender Aengſtlichkeit betrachtete. Aber ſie blieb geſund, und als die Stunde gekommen war, befanden ſich Mutter und Kind friſch und wohl, wie Fiſchlein im Waſſer.

In der Freude meines Herzens vergaß ich meine alte Gewohnheit und gab am Tauftage meines Söhnleins ein großes Feſt, zu welchem ich die Nobleſſe der Umgegend einlud. Kamen auch alle und war Theilnahme und Jubel überall; und als die Taufe vorüber war, nahm ich den Kleinen und trug ihn der Mutter in das Bett. Die empfing ihn mit weinenden Augen, und über dem Kinde hielten wir uns einen Augenblick umarmt in unſäglicher Freude. Aber o mein Gott! die Feder entſinkt meiner Hand noch jetzt bei der Erinnerung, und ſind doch faſt dreißig Jahre ſeitdem verfloſſen. Wie ich mich wieder erhob, ſah ich zu meinem Entſetzen das Todeszeichen an Mutter und Kind. Mit einem wilden Schrei ſtürzte ich am Bette zuſammen und wußte nicht mehr, was mit mir geſchah. Ich verfiel in eine hitzige Krankheit, und als ich wieder zu mir kam, erfuhr ich nur, was ich ohnehin ſchon wußte. Ein raſches Kindbettfieber hatte meine gute Anne ſchon des andern Tages dahin gerafft, und mein Söhnlein war ihr bald nachgefolget.

Ich war alſo wieder allein, und that nun vor Gott das feierliche Ge⸗ lübde, daß ich mich ganz zurückziehen und kein menſchliches Antlitz mehr ſehen wolle mein Leben lang. Das habe ich auch gehalten und ſind es bald dreißig Jahre, daß ich das Zimmer nicht verlaſſen, noch einen Menſchen ge⸗ ſehen habe. Will auch ausharren alſo in Geduld und Einſamkeit, bis der Herr mich abrufet.

Die Zeit habe ich mir dadurch verkürzet, daß ich Zeichnungen, wie dieſe hier verfertigte, wird aber dieſes wohl die letzte ſein wegen Schwäche meiner Augen. Habe auch außerdem dem Studium der Philoſophie obgelegen, und der geheimen Wiſſenſchaft, ſo die Cabbala geheißen. Bin auch durchgedrungen bis zu dem Kern alles Seins und Lebens, halte aber für wohlgethan,