Jahrgang 
3 (1855)
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Das Todten⸗Geſicht.

kannte; nicht minder begriff ich, was der Winhard in der Sterbeſtunde noch mir ſagen gewollt.

Leider aber ward mir mit ſolcher Erkenntniß nicht geholfen, vielmehr wurde mein Leidweſen immer ärger. Eines Tags war es, als ob ich unter lauter Sterbenden herum ginge, und wohin ich nur ſah, trugen faſt alle Leute das Todeszeichen. Konnte daher nicht mehr in Rom bleiben, und ſehnte mich nach Hauſe, wo mein Elend wenigſtens niemand bekannt war, hoffte auch, daß daheim die unſelige Gabe von mir weichen würde. Kaum hatte ich Rom verlaſſen, als dort ein großes Sterben ausbrach, das viele Tauſende dahinraffte, und ſo ward mir ein ſchrecklicher Beweis, daß ich wieder recht geſehen.

Bei meiner Ankunft in Baiern ſchienen auch meine Angelegenheiten wieder zu proſperiren. Wohl war mein gnädiger Herr Papa inzwiſchen Todes verblichen und wäre ich hiedurch zum Amtspfleger in F. berufen ge⸗ weſen, fand es aber gerathen, auf ſothanes Amt zu reſigniren, weil ich nicht in vielen Verkehr kommen wollte mit den Menſchen. Ich ſcheute mich gar zu ſehr, wieder eine Erfahrung meiner traurigen Vorherſicht zu machen, war auch darinnen eine Zeit lang vollkommen glücklich. So viel nur möglich lebte ich zurückgezogen auf meinem Schloſſe, allwo ich dieſe triſte Biographie niederſchreibe, und iſt es mir nur einigemal zu meinem Leidweſen paſſiret, das Todtengeſicht zu haben.

Eines Tages aber geſchah es, daß eine fremde Karoſſe in das Dorf kam, daran brach im Vorbeifahren am Schloſſe ein Rad, ſo daß die Rei⸗ ſenden in demſelben ihre Zuflucht ſuchten, und konnte ich nicht wohl ver⸗ meiden, ſie zu empfangen. Es war die Freiin von M. mit ihrer Tochter, und reiſte nach München an den Hof. Wie ich die Tochter ſah, erfuhr ich wieder großen Schrecken, diesmal aber aus anderer Urſache. Das Fräulein hatte nämlich eine auffallende Aehnlichkeit mit weiland der unglücklichen Sprunner⸗Lene von Ingolſtadt, und hätte man ſie, wann ſie nebeneinander geſtanden, ſicher für Schweſtern halten müſſen. Ich wurde dadurch auf ſie aufmerkſam, unterhielt mich mit ihr, und es that mir innerlich wohl, nach ſo langer Einſamkeit mit jemand reden zu können. Ich will aber über das, was kommet, geſchwinde hinweggehen, weil mich die Erinnerung noch zu ſehr betrübt. Das Ende war, daß ich das Fräulein als meine Gemahlin heimführte, und begann für mich eine ſo glückliche Zeit, wie keine noch ge⸗ weſen in meinem ganzen Leben.