Von Hermann Schmid. 43
mehr zweifeln, daß ich wirklich die Gabe des Todtengeſichts beſaß. Der Winhard ſtreckte mir die Hand entgegen, dankte mir, daß ich kam, weil er ſonſt nicht ruhig ſterben könne. Fragte mich auch haſtig, denn der Athem ging ſchon ſchwer, ob der Alte mit dem Geheimniß ſchon bei mir geweſen. Ich ſagte ja und daß ich ſchon deſſen Beſitzer geworden. Da wurde der Winhard im Geſichte roth und blau, wollte reden, konnte aber nicht mehr, ſtreckte ſich ein paarmal und war todt.
Mir wars von dem Erlebten auch ganz unbaß geworden und mußte ich mehrere Tage das Zimmer hüten. Da kam es, daß der Nepote des Heiligen Vaters, den er zum Duka von Braschi gemacht, aus Anlaß deſſen ein großes Feſt gab, von dem ich nicht wegbleiben konnte. Machte mich alſo zurecht und fuhr dahin.
Da begann mein Unglück und wurde ich zum Erſtenmal inne, welchen böſen Dienſt meine Wißbegierde mir geleiſtet.
Die Geſellſchaft bei dem Duka war außerordentlich zahlreich und glän⸗ zend. Die ganze Nobleſſe von Rom war zugegen, denn wenn ſie ſich auch in der Stille moquiret über den neugebackenen Herzog, ſo wollten ſie es doch mit dem heiligen Vater nicht verderben, der in ſolchen Dingen ein gar hef⸗ tiger und eigenmächtiger Herre war. Auch die Damen von Rom waren in aller Schönheit und ausgeſuchteſter Parure ſo zahlreich wie ſelten erſchienen, denn es ſollte die einzige Tochter des neapolitaniſchen Prinzipe L. zum Erſten⸗ mal in die Cercles eingeführt werden. Man machte außerordentlich viel Weſens von ihrer admirablen Schönheit, und ging das Gerücht, als ſei eine Mariage zwiſchen ihr und dem Duca von Braschi intentiret.
Ich brachte einen Theil des Abends in der Nähe des Kardinals F. zu. Das war ein ſehr bejahrter Herr und ungemein würdiger Prälat, auch von deutſcher Abſtammung, weßhalb er mir ſeit meiner Ankunft ſeine be⸗ ſondere Inklination zugewendet. Er ſprach lange mit mir, und mein Blick ruhte mit innigem Gefallen auf ſeinen reinen Zügen, aus denen offenes ungeheucheltes Wohlwollen ſprach. Mit einemmale war es, als wenn über deſſen Antlitz ein Schleier herniederfiele und die Züge zuckten und ſchwammen durcheinander als wie in heftigem Kampfe. Der Kardinal ſchien nichts davon zu empfinden, denn er ſprach unbefangen fort. Auch keiner der daneben Sitzenden nahm etwas wahr, denn ſie blieben alle voll⸗ kommen ruhig. Ich ſtutzte; einen Augenblick ſpäter war das Geſicht des


