Jahrgang 
3 (1855)
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36 Das Todten⸗Geſicht.

mehr ohne mein Zuthun. Die Lene war ein blutjunges, aber hübſch aufge⸗ ſchoſſenes Ding, als ich ins Haus kam, aber ich wußte gar wohl, was ich meiner Familie und hohen Ertraction ſchuldig war. War auch zu ſehr in meine myſteriöſen Studia vertiefet, als daß ich Zeit gefunden, an derlei zu denken. Ich war daher wohl freundlich mit dem Jungferchen, wechſelte auch hie und da ein paar gleichgültige Reden mit ihr, wenn ſte mir auf der Stiege oder im Hausflur begegnete, aber ich kann sur mon honneur verſichern und wird es mir noch in der letzten Stunde zu großer Conſolation gereichen, daß ich ihr nie Avangen gemachet, wie ſie einem redlichen Cavalier gegenüber einer Frauensperſon nicht geziemen, die zu ſeiner ehelichen Geſponſin zu ma⸗ chen ihm verboten iſt. Gleichwohlen konnte ich nicht hindern, daß das Jungferchen an mir Gefallen fand und alsbald in heftiger Paſſion und Zu⸗ neigung zu mir entbrannte. Sie hatte deſſen in ihrer Unſchuld auch kein Hehl, und war die alte Sprunnerin, als ſte es gemerket, über mich ſehr auf⸗ gebracht, weil auch ſie vermeinet, ich hätte die Lene durch unziemliche Worte und Careſſen inflammiret; überzeugte ſich aber bald vom Gegentheil. Da ließ ſie es an guten Reden und Ermahnungen nicht fehlen, ſtellte ihr auch eindringlich für, wie ſolche thörichte Liebe ihre gute Reputation und Leumund vernichten und ſie für ihr ganzes Leben um jede Ausſicht auf Verſorgung bringen müſſe. Bat und beſchwor ſie auch mit Thränen, des Heiles ihrer unſterblichen Seele zu gedenken. Die Lene war nicht widerſpenſtig: ſie ließ nur den Kopf hängen und weinte ſtill vor ſich hin. Die Mutter hätte ihr nicht zu gebieten gebraucht, daß ſie vermeiden ſolle, mich zu ſehen, ſie that es ohnehin, und ich bekam ſie gar nicht mehr zu Geſicht. Die Mutter war über dieſes Betragen ihrer Tochter ſehr erfreut und erzählte mir bald, daß nun auch das Weinen aufgehört habe und ſie wieder ſtill und ruhig fortlebe wie ehedem. Das Beſte aber hoffte die Alte davon, daß der reiche Würz⸗ krämer am Schliffelmarkt ein Auge auf die Lene geworfen und ſie als ſeine Hausfrau heimzuführen gedachte. Damit war das Glück ihrer Lene gemacht, und da dieſe als ein gehorſames Kind nicht widerſprach, ſondern mit ſich machen ließ, was die Mutter wollte, ſo war ſie ganz wohl getröſtet und hatte mit nichts zu ſchaffen, als für die Ausſteuer und das Ehrenkleid zu ſorgen. Darüber war mehr als ein Jahr hingegangen und mir die Affaire beinahe ganz aus dem Gedächtniſſe gekommen.

So ſtanden die Sachen, als ich am Tage Epiphanias auf dem Glacis im erſten Frühlingsſonnenſchein promenirte. Ich dachte nicht mehr daran,