34 Das Todten⸗Geſicht.
ſchrift rege; mit Hülfe meiner Lupe war es nicht ſchwer, ſie zu enträthſeln
— und die kurze Sommernacht begann bereits im erſten Morgendämmern 8 aufzuleuchten, als ich das Bild bei Seite legte, von mächtigen eigenthüm⸗ lichen Empfindungen erſchüttert.
Die Porträt⸗Handſchrift lautete ſo:
Im Namen Gottes und der heiligen Dreifaltigkeit. Nachdem ich, Jo⸗ hann, Graf von L., nunmehr bereits das ſechzigſte Lebensjahr erreichet habe, und demnach bereits die Präſumtion wohl begründet iſt, daß das erwünſchte Ende meines mühſeligen Lebens nicht mehr ferne zu attendiren: als habe ich nicht verfehlen wollen, meine Schickſale und Aventures zu beſchreiben. Ich gehe jetzt daran, dieweilen mir das Augenlicht zu beſagter ſchwieriger Entrepriſe noch auszuhalten verſpricht, damit jeder ſich ein Beiſpiel und heilſame Erhortation davon entnehmen möge, und damit auch meine Be⸗ freundeten und Bekannten erfahren, daß ich nicht captae mentis geweſen, ſondern guten Grund gehabt, mich ſelbſt freiwillig zu lebenslänglicher Ge⸗
fangenſchaft zu condemniren.— Ich wähle dazu die Züge meines eigenen Angeſichts, welche ich einem Conterfey aus früheren Jahren nachzeichne. 3 Heute, am Tage Epiphanias, da ich dieſes ſchreibe, ſind es gerade vier⸗
zig Jahre, und war ein ſo ſchöner klarer Aprilentag, wie heute, da ging ich als ein feiner und wohlgemuther Studioſus auf dem Feſtungsglacis von 8 Ingolſtadt promeniren. Ich war von meinem gnädigen Herrn Papa mit meinem Hofmeiſter dahin geſchickt, um mich in humanioribus noch etwas zu kultiviren, und Jura zu abſolviren. In meiner Familie war die Amtspfleg⸗ ſchaft von F. erblich, und ich als der einzige Sohn war beſtimmt, meinem
gnädigen Herrn Papa alsbald adjungiret zu werden. Ich ließ es auch hierin an nöthiger Aufmerkſamkeit und Application niemals manquiren, doch zog mich eine Art neugieriger Inclination immer mehr zu den geheimen und ab⸗
ſtrakten Wiſſenſchaften. Hätte demnach für mein Leben gerne recherchiret, wie es mit jenen Dingen beſchaffen, welche den Menſchen zu ihrem Heile verborgen und unbegreiflich ſind— und war in Folge deſſen in metaphy-
sicis vollkommen zu Hauſe. Damals war eben ein junger Profeſſor nach Ingolſtadt an die hohe 8 Schule gekommen, der nachmals einen großen Namen bekam, aber nicht zu ſeinem Heile. Der Profeſſor hieß Weishaupt, und ſollte das jus canonicum 1 dociren, war ihm aber auch ſolche abſonderliche Grübelei und Spitzfindigkeit
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