Jahrgang 
3 (1855)
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Von Hermann Schmid. 33

Der Regen hielt an und machte die Kühle empfindlich. Das zwang mich, die Fenſter zu ſchließen, und nun, auf den engen Raum meines Zim⸗ mers beſchränkt, begann der Mangel gewohnter Beſchäftigung mir fühlbar zu werden. Ich hatte die Wanderung nur zum Vergnügen angetreten, mit dem Nebenzweck, die Flora der Vorberge etwas näher kennen zu lernen. Ich trug daher weder Buch noch Brieftaſche bei mir, nur die Botaniſirbüchſe und die Lupe zur Beobachtung der feinern Pflanzentheile hatten mich begleitet. Alles andere lag in einem Dorfe tiefer im Gebirge, das der Ausgangspunkt meiner Ausflüge war. Mich der Langweile zu erwehren, begann ich die Bil⸗ der zu muſtern, mit denen die Wände verziert oder verunziert waren. Ich ergötzte mich an der Geradlinigkeit der Veduten aus Venedig, an der be⸗ blechten Uniform des Generaliſſimus Schwarzenberg, und an der Naivetät, mit welcher ſich die Schlacht von Auſterlitz auf einem Blättchen von wenig Zollen breit machte.

Da wurde meine Aufmerkſamkeit durch ein Bild von eigenthümlicher Art bleibend feſtgehalten.

Es war das Porträt eines Mannes in guten Jahren mit wohlgeform⸗ ten Zügen, aber ernſtem, man konnte faſt ſagen, traurigem Geſichtsausdruck. Die Perrücke mit den mächtigen Boucles an beiden Seiten bezeichnete ihn als Angehörigen der letzten Dezennien des abgewichenen Jahrhunderts. Was mich aber beſonders anzog, war die eigenthümliche Manier, in welcher das Bild gefertigt ſchien. Es hielt die Mitte zwiſchen Bleiſtift⸗, Kreide⸗ und Federzeichnung, und doch wich die Schraffirung von allem bisher Geſehenen ſo ſehr ab, daß ich mich veranlaßt fühlte, das Bild mit Hülfe eines an die Wand gerückten Stuhles herabzunehmen und genauer zu betrachten. Damit war das Räthſel bald gelöst, aber auch meine Theilnahme in noch höherem Grade erregt.

Das Bild war Bild und Handſchrift zugleich. Die einzelnen Züge und Striche deſſelben waren nämlich nicht Linien, ſondern Zeilen einer ungemein feinen, nur in der Nähe als ſolcher erkennbaren Handſchrift. Je nachdem Licht oder Schatten der Zeichnung es erforderte, war ſie bald ſchwärzer, bald blaſſer gehalten, und mit ſolcher Genauigkeit, mit ſolcher Sicherheit geſtellt und geführt, daß mir zu ſchwindeln begann bei dem Gedanken an den eiſer⸗ nen Fleiß, der zur Fertigung eines ſo ſonderbaren Kunſtwerks nöthig ge⸗ weſen war.

Begreiflicher Weiſe ward meine Neugierde nach dem Inhalte der Hand⸗

Hausblätter. Jahrg. 1855. III. Bd. 3