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Das Todten-Geſicht.
Von
Hermann Schmid.
Miüde von anſtrengender Bergwanderung war ich gegen Abend in der Thalſchenke am See angekommen. Von der vorſpringenden Ecke des Hausgärtchens bot ſich eine herrliche Ueberſicht über den mächtigen Waſſer⸗ ſpiegel und die ihn begrenzenden Waldberge, allein die Schwüle des Tages hatte ſich in ein mächtiges Gewitter geſammelt, das ſich nun über den Ber⸗
gen entlud, zugleich aber in einem tüchtigen Landregen längs des Seess nie⸗ derrauſchte. Dadurch war der Aufenthalt im Freien unmöglich gemacht, und in der allgemeinen Gaſtſtube ſummte und drängte es durch einander von
Bauern, Handwerksburſchen und Fuhrleuten, die der Regen unter Dach
4 getrieben. Ich hatte mir daher ein Zimmer anweiſen laſſen, mich ſogleich in 3 daſſelbe zurückgezogen und ließ nun erfriſchende Kühle durch die kleinen V Fenſter einſtrömen, indem ich zeitweiſe im Auf⸗ und Abſchreiten davor ſtehen blieb und in den Regen hinaus ſtarrte, der wie ein ſtarkes graues Tuch ſich über die Landſchaft geſpannt hatte. Das Fernſte, was ich zu erkennen vermochte, war ein ſchönes geräu⸗ V miges Schloßgebäude, das einige hundert Schritte gegenüber aus einer Allee wilder Kaſtanien hervorſah. Die ganze Bauart ließ entnehmen, daß es ein⸗ mal der Sitz eines adeligen Geſchlechtes geweſen: jetzt hatten die ſchlanken Erker und Spitzbogen vielfach dem proſaiſchen Gebote des Bedürfniſſes Platz gemacht; Fäſſer und Geräthe aller Art verriethen, daß die alte Feudalburg zum Bräuhauſe degradirt war. Nicht ohne Antheil hing mein Blick eine zeitlang an den verödeten Räumen, und meine Gedanken ergingen ſich in den Tagen der Pracht, wo ſie von dem kräftigen Leben der Bewohner wieder⸗ 1 hallten, die wohl nicht von ferne geahnt, wie bald Gras über ihren Spuren wuchern würde.
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