Jahrgang 
3 (1855)
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Von Adolf Stahr. 31

Dann führte er ihn ſtill an ſein Lager, küßte ihn zum letzten Abſchiede und ging feſten Schrittes hinaus. Als der Kerkermeiſter kurze Zeit darauf in das Gefängniß kam, fand er den Annibale bereits ſterbend auf ſeinem Lager, neben ihm die Carmela, die ſeine Hand in der ihrigen hielt, und ehe noch irgend ein Verſuch gemacht werden konnte, das Leben des Verurtheilten für den Tod der Schande zu erhalten, hatte der Trank bereits ſeinen Dienſt gethan und ihn für immer befreit.

Und der Vater! rief ich erſchüttert,der Vater, was wurde mit ihm?

Sie nahmen ihn gefangen und er läugnete mit nichten, was er ge⸗ than, ſondern er beſtand darauf vor den Richtern, daß es ſein Recht geweſen. Sie machten ihm dann den Prozeß als Mörder ſeines Sohnes, aber ehe es noch zum Spruche kam, waren bereits andere Dinge eingetreten. Die Fran⸗ zoſen kamen ins Land und König und Governo wurden verjagt und flüch⸗ teten nach Sizilien. Die neuen Gerichte der Republik aber dachten anders als die alten unter König Fernando. Sie nahmen Rückſicht auf das Unrecht, das dem Annibale von Anfang an geſchehen war, auf das Unglück des Vaters, der ſeiner Familie Ehre gewahrt hatte, und auch die öffentliche Stimme der Menſchen, die den Vater nicht verdammte, ſondern ihn wegen ſeiner Geiſtesſtärke bewunderte, und ſo geboten ſte, den Prozeß niederzu⸗ ſchlagen und die Sache mit Stillſchweigen zu bedecken, da es kein Geſetz gebe für einen Fall, der bis dahin noch nicht erhört geweſen und ſchwerlich ähnlich zum zweitenmal eintreten würde. Don Gaetano ward in Freiheit geſetzt und kehrte nach Policaſtro zurück, woſelbſt er noch ein ganzes Jahr lebte. Dann kamen wieder andere Zeiten, denn König Fernando gelangte mit Hülfe der Engländer wieder auf ſeinen Thron nach Neapel, und es war gut für Don Gacetano, daß er und ſeine Frau die Dinge nicht mehr erlebten, die dann geſchahen. Aber da ſind wir au der Marina, ſagte er plötzlich ab⸗ brechend, als die Maſten der kleinen Fahrzeuge in dem Hafen vor uns auf⸗ ſtiegen,und ich bin zu Ende.

Und der Pater Ignazio und Angela, Eure Verlobte? ſagt Ihr mir nichts von ihnen und von Carmela, Vincenzo?

Das iſt für ein andermal, verſetzte der Alte, während er die kleine Barke in den Hafen ſteuerte und das Segel einzog.Es lebt keiner mehr von allen als ich und Eine, der es auch wohl beſſer wäre, wenn ſte längſt todt wäre. Das iſt die Angela meine Verwandte in Tordika, und heute iſt der Jahrestag von dem Tode ihres Bruders, desſchwarzen Annibale.