Jahrgang 
3 (1855)
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Von Adolf Stahr. 29

als ich mir einbildete. Was ich Euch jetzt erzählen werde, fuhr der Alte fort,das haben freilich meine Augen nicht geſehen, und ich preiſe noch heute dafür Gott und die heilige Jungfvau, daß ſie es mir erſpart haben. Aber es iſt darum doch nicht weniger wahr und genau, denn es war Eine dabei zugegen, als Vater und Sohn ſich wiederſahen nach Jahren voll Herze⸗ leid und im Augenblicke unausſprechlicher Trübſal und von dieſer habe ich den Hergang vernommen auf ihrem Sterbebette, an dem kein Prieſter geſtanden hat, ſondern ich allein.

Der Annibale war bereits von ſeinen Wunden faſt ganz wieder ge⸗ neſen, und als der Vater zu ihm eintrat, ſtand er hochaufgerichtet ſtrack auf ſeinen Füßen. Man hatte ihm, da der Spruch gefällt und ſein Schickſal entſchieden war, ein etwas beſſeres Gemach gegeben und ſeinem armen Weibe, die während der Dauer des wirklichen Prozeſſes von ihm getrennt gehalten wor⸗ den war, erlaubt, daſſelbe mit ihm zu theilen. Auch die Ketten waren ihm für den heutigen Tag vom Kerkermeiſter abgenommen auf ſein Bitten, da er dem Aufſeher einen Eid zugeſchworen hatte, daß er ſich ruhig verhalten und nichts unternehmen werde, was jenen in Verantwortung bringen könne. So konnte er dem Vater wenigſtens ungefeſſelt entgegentreten, als die ſchwere Eiſen⸗ thüre aufging und Don Gaetano, vom Kerkermeiſter geleitet, zu ihm eintrat. Als ſich der letztere entfernt hatte, ſtanden ſich Vater und Sohn einen Augen⸗ blick ſprachlos gegenüber; als aber der Annibale die Augen wieder aufſchlug und das gramverzehrte Geſicht, die niedergebeugte Haltung des einſt ſo ſtolzen Mannes und ſein ſilberweißes Haar erblickte, da ſtürzte er vor ihm nieder und umſchlang ſeine Kniee mit heißen Thränen, den erſten, die ſein Weib, die Carmela, die ſchluchzend auf dem Lager ſaß, ihn ſeit all der Zeit hatte weinen ſehen. Und der Vater hob ihn auf und ſchlang ſeine Arme um ihn und hielt ihn lange feſt an ſeiner Bruſt, dann küßte er ihn auf das Haupt und ſprach mit feſter Stimme:Sei ein Mann, Annibale! Und jetzt, fügte er hinzu,laß uns das Mahl einnehmen, das ich uns habe bereiten laſſen, das erſte ſeit ſo manchen Jahren und wohl auch das letzte, das wir zuſammen genießen an meinem Namenstage. Dann begrüßte er auch die Carmela, und als ſie ihm knieend die Hand küßte und ihn um Verzeihung bat, da legte er die Rechte auf ihr Haupt und ſprach:ich habe dir nichts zu verzeihen, denn was du gethan haſt, das haſt du aus Liebe für meinen Sohn gethan, und ich ſegne dich dafür, daß du ſein Troſt geweſen biſt.

So ſetzten ſie ſich denn alle drei nieder an dem Tiſche, auf welchen der