Jahrgang 
3 (1855)
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Von Adolf Stahr. 25

es ihm und ſeinem armen Weibe doch ein Troſt ſein, mich zu ſehen und Nachricht von den Ihrigen zu erhalten.

Das war nun alles recht ſchön und gut geſprochen, und wie der Menſch iſt, ſo dankte ich jetzt ſchon trotz allem Jammer der Madonna und den Hei⸗ ligen von Herzen für die Gnade, daß ſie mich wenigſtens in dem Sergeanten einen mitleidigen Mann hatten finden laſſen. Aber als es nun nach vielen Bemühungen, die ich nicht alle herzählen mag, dazu kam, daß ich endlich den Annibale und die Carmela wirklich wiederſehen und ſprechen ſollte, da zit⸗ terten mir auf dem Wege die Knie, als ginge ich ſelber dem Gericht entgegen. Zuvor muß ich noch ſagen, daß ich einen Boten an meinen Steuermann ab⸗ geſchickt und ihm hatte ſagen laſſen, daß er ſofort Anker lichten und nach Policaſtro zurückſegeln ſoll, um dem Don Gaetano die Kunde von dem Vor⸗ gefallenen durch einen Brief zu bringen, den ich von einem Schreiber hatte aufſetzen laſſen.

Was ſoll ich Euch weitläufig erzählen, wie es war, als ich den Anni⸗ bale wiederſah. Verwundet, in Ketten, todtenblaß von Blutverluſt und Leiden, war er noch immer ſo ſchön, daß es ein Entzücken war ihn zu ſehen, obſchon er um mehr als zehn Jahre älter ſchien als er war. Ich konnte mir nicht helfen, ich weinte wie ein Knabe als ich ihn ſah, ausgeſtreckt auf ſeinem harten Lager, die reichgeſtickte Sammetjacke mit Blut befleckt, die langen ſchwarzen Locken und der ſchwarze Bart verwildert. Er aber hatte keine Thräne, als er ſich mit halbem Leib emporrichtete und mir die gefeſſelte Hand hinreichte, ſondern er ſah ſtolz aus wie ein Herzog; und auch die Carmela weinte nicht, die neben ihm ſaß, mit dem Arme in der Binde, aber unge⸗ feſſelt, um ihn zu warten und zu bedienen. Er fragte mich auch nichts, weder von den Eltern, noch von den Geſchwiſtern, ſondern ich mußte ſelbſt das Wort nehmen, um ihm zu erzählen, wie und weßhalb ich hieher gekommen ſei nach Coſenza, und von dem Pardon, den ihm der Vater ausgewirkt ge⸗ habt und den anzunehmen ich ihn überreden gewollt, weil mir der Vater geſagt habe: Ehe er, der Annibale, nicht wieder im Hauſe ſei, ſolle Angela nimmer mein Weib werden. Bei den letzten Worten flog ein bitteres Lächeln über ſeine ſcharfen Züge und er erwiderte:Dazu wird er ſich doch nun verſtehen müſſen, denn ſonſt könntet ihr, du und die Angela, warten bis an den jüngſten Tag. Er hat es ja ſo haben wollen. Als ich ihm aber er⸗ zählte, wie der Vater gealtert habe und daß ſein Haar ſchneeweiß geworden ſei, da bedeckte er ſein Geſicht mit den geketteten Händen, und ich hörte ihn