Jahrgang 
3 (1855)
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Von Adolf Stahr. 17

gen war, ſchien ihn freilich weniger zu betrüben. Ja mir kam es zuweilen vor, als ſei ihm lieb und wiſſe er es ihr Dank, daß ſie gethan, was ſie gethan und zu ſeinem Sohne geflohen ſei. Aber dieſen unter Räubern und Mör⸗ dern zu denken, ihn, den Annibale, ſeinen Stolz, die Hoffnung und Freude ſeines Alters, ſeinen Erſtgeborenen, den Träger und Aelteſten der Familie, der allein ſeinen Namen und Stamm erhalten konnte, denn Rafaello war in der letzten Zeit ſo tiefſinnig geworden, daß der Vater hatte einwilligen müſſen, ihn ins Kloſter gehen zu laſſen das war, was ihm keine Ruhe ließ Tag und Nacht. Bald zürnte er dem Annibale, daß er Schuld an Al⸗ lem ſei, durch den unglücklichen Trotz, mit dem er darauf beſtanden, die Car⸗ mela zum Weibe haben zu wollen; bald ſagte er ſich wieder, daß es doch beſſer geweſen wäre, wenn er dem Sohne nachgegeben hätte. Aber ſein Hauptgrimm traf die Gerichte, die ihm faſt die Hälfte ſeines Vermögens an Geſchenken abgenommen und ihm dennoch den Sohn nicht freigegeben hatten, von deſſen Unſchuld an der Ermordung des Zollwächters er ſelber felſenfeſt überzeugt war, da ihm Annibale dieſelbe betheuert hatte. Daß die⸗ ſer das Geſtändniß ſeines blutigen Vorſatzes vor Gericht abgelegt, war frei⸗ lich unklug geweſen; aber gerade dieſe Unklugheit mochte ihm der Vater, weil ſie aus Stolz entſprang, am wenigſten verdenken. Don Gaetano war niemals ein Freund des Governo geweſen, deſſen ſchlechte Wirthſchaft er genau kannte. Seit er ſelber das Opfer der Ungerechtigkeit ihrer Gerichte geworden war, gehörte er vollends zu den Unzufriedenen, deren es viele in unſerm Lande gab. Denn ſeitdem die Franzoſen ihre Regierung ver⸗ jagt und ihren König abgeſchafft hatten, waren ſie auch nach Italien ge⸗ kommen, um bei uns beſſere Ordnung machen zu helfen, und es hieß, daß König Fernando und ſeine Miniſter, die gegen ſie ein Heer rüſteten, nicht viel Gutes zu erwarten hätten, wenn die Franzoſen nach Neapel kämen. Das Schlimmſte war nur, daß inzwiſchen der Annibale immer mehr in ſeinem Räuberleben verwilderte. Vergebens hatte der Vater alles aufge⸗ wendet, um für ihn in Neapel einen Pardon und freie Heimkehr nach Hauſe zu erwirken, wenn er ſich ſtelle und die Waffen niederlegen wolle. Denn es war inzwiſchen doch herausgekommen, daß der Zollwächter wirklich von Schmugglern erſchlagen worden war, und daß man alſo den Annibale unſchuldig verurtheilt hatte. Aber immer ſcheiterte die Sache daran, daß der Annibale darauf beſtand, es müſſe auch ſeinen Kameraden dieſelbe Vergün⸗ ſtigung zu Theil werden. Dazu war aber keine Ausſicht, denn es waren Hausblätter. Jahrg. 1855. III. Bd. 2