Von Adolf Stahr. 13
fehlte es nicht, denn man wußte, daß der reiche Oheim ſeinem Mündel eine gute Ausſteuer beſtimmt hatte, und Carmela war, wenn auch nicht ſchön, doch keineswegs häßlich und klug und geſchickt zu jeder Arbeit. Ein Zoll⸗ wächter, mit dem Don Gaetano bekannt war, hatte ſchon mehrmals vergeb⸗ lich bei ihm um die Nichte angehalten; jetzt als er die Bewerbung, von der ſonſt niemand mußte, wiederholte, empfing er vom Oheim das Jawort, mit dem Beding, vorerſt noch davon gegen jedermann zu ſchweigen. Daß das Mädchen ſich weigern werde, befürchtete der Alte nicht; denn erſtens war er an unbedingten Gehorſam gewöhnt von allen in ſeinem Hauſe, und dann kannte er auch die Carmela darauf, daß ſie nimmermehr mit ſeinem Fluche das Weib ſeines Sohnes werden würde. Dazu ſollte die Heirath in Ab⸗ weſenheit Annibales vor ſich gehen,— für den er eine weitere Fahrt als ge⸗ wöhnlich eigens zu dieſem Zwecke veranſtaltet hatte,— und bis dahin alles geheim gehalten werden. Zu dem allen hatte der Pater den Rath gegeben. Aber gerade Er war es, von dem Annibale unter dem Siegel des Geheim⸗ niſſes den ganzen Handel erfuhr, am Tage bevor wir in See gehen ſollten; denn auch ich ſollte ihn diesmal auf ſeiner Felucke begleiten, weil es ſich um ein wichtiges Geſchäft und eine reiche Ladung handelte, die wir von Salerno nach Sizilien führen ſollten. Ihr könnt Euch denken, wie der Annibale die Sache aufnahm, oder vielmehr Ihr könnt es doch nicht, denn noch heute nach ſo vielen Jahren überläuft es mich kalt, wenn ich an ſein Geſicht denke, mit dem er mir Kunde gab von dem Anſchlage. Denn der Pater hatte ihm zwar einen Eid abgenommen, keiner Seele etwas von dem zu verrathen, was er ihm mitgetheilt, aber mich hatte er davon ausgenommen, weil er dazu, wie ſich ſpäter zeigte, ſeine guten Gründe haben mochte.
„Vincenzo!“ ſagte er zu mir, als wir am Abend vor unſerer Abfahrt uns an der Marine trafen, wo wir noch allerlei für die in der Nacht anzu⸗ tretende Fahrt zu beſchicken hatten,„Vincenzo, Du mußt mir einen Dienſt lei⸗ ſten!“ und dabei veränderten ſich ſeine Züge ſo furchtbar, daß der junge ſchöne Burſch, der damals kaum zwei und zwanzig Jahre zählte, ganz alt ausſah und ſeinem um mehr als dreißig Jahre älteren Vater,— wenn der gerade in heftigem Zorne war, was wohl einmal, wenn auch ſelten, vor⸗ kam,— ähnlich wurde zum Entſetzen. Ich erſchrack denn auch nicht wenig bei ſeinen Worten und bei ſeinem Ausſehen, aber doch noch lange nicht ſo ſehr, als nachdem er mir mitgetheilt hatte, was ihm der Pater, den er mir aber nicht nannte, verrathen hatte. Denn ich kannte den Annibale genug,


