Jahrgang 
3 (1855)
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12 Der ſchwarze Annibale.

niemals Freude an irgend einem Vergnügen wie Tanz und Geſang, aber deſto mehr an Meſſe und Roſenkranz, und der Pater beſtärkte ihn darin nach Kräften, indem er ihm vorſtellte, daß ſeine Frömmigkeit bei Gott und den Heiligen wieder gut machen müſſe, was Vater und Bruder gegen beide durch ihr weltliches Weſen verſäumten und ſündigten. Der arme Rafaello nahm ſich das nur allzuſehr zu Herzen, und je weniger der Vater davon hören wollte, daß ſein Sohn geiſtlich werde und ins Kloſter gehe, deſto mehr quälte dieſer ſich ab mit Beten und Faſten und Bußübungen aller Art, daß er ſicht⸗ bar dahinſchwand. Der Pater hatte ihm ein kleines Buch geſchenkt, worin er ſchon als Knabe alles aufſchrieb, jedes Vergnügen, dem er zu Ehren der Madonna entſagte, jedes Spiel mit ſeinen Altersgenoſſen, jeden Tanz zum Tamburro, zu dem man ihn aufforderte, jede gute Mahlzeit, die er verſchmähte, ja ſelbſt je⸗ des Bad, das er ſich verſagte, und jedes neue Kleidungsſtück, deſſen er ſich enthielt. Wir wußten damals zwar das alles, aber wir ahnten doch nicht, worauf es eigentlich der Pater abgegeſehen hatte, der ſich im Hauſe immer feſter ſetzte, die Mutter ganz auf ſeine Seite brachte, und in dem Streite zwiſchen Annibale und ſeinem Vater, heimlich für den erſteren Partie nahm, während er andrerſeits keine Gelegenheit unterließ, dem Don Gaetano alles Mögliche wider ſeinen Ael⸗ teſten zu hinterbringen, was irgend dazu dienen konnte, den Vater gegen den Sohn einzunehmen. Das Schlimmſte aber war, daß er zuletzt auch die Angela in ſeine Netze zu ziehen wußte, denn auch die war fromm, wenn auch nicht ſo übermäßig wie der Rafaello; und der Pater war nicht bloß ein großer Kanzelredner, ſondern auch ein ſo ſchöner Mann, daß vielen Frauenzimmern das Herz ſchlug, wenn er ihnen die weißen feinen Hände zum Kuſſe darreichte oder ſie bei der Beichte mit ſeinen großen leuchtenden Augen anblickte. Die Rede ging, er ſei eigentlich ein unehelicher Sohn eines Herzogs mit einer vornehmen Frau, und es mochte auch wohl etwas daran ſein, den er ſah nicht wie die andern Geiſtlichen und Mönche aus, mit ſeinem feinen blaſſen Geſicht, das ich niemals anſchauen konnte, ohne ein gewiſſes Grauen zu empfinden, als wenn er ein Jettatore wäre und den böſen Blick hätte.

So ſtanden die Sachen im Hauſe Don Gaetano Velascos, als das Zerwürfniß zwiſchen ihm und ſeinem Aelteſten zum offenen Ausbruche kam. Der Vater, der durchaus nicht in die Heirath des Annibale mit der Carmela willigen wollte, hielt es für das Beſte, die Sache dadurch zur Entſcheidung zu bringen, daß er das Mädchen anderweitig verheirathete. An Bewerbern

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