Von Adolf Stahr. 11
Mitleid rege wurde mit der Geliebten, die doch nichts konnte für die Schande ihrer Geburt. Und als nun gar die Carmela ſelbſt, ſtolz wie ſie war,— denn man mag nun ſagen was man will, aber es ſteckte doch in ihr das adlige Blut ihres Vaters, und das verleugnet ſich auch in Niedrigkeit und Armuth nicht,— als alſo die Carmela ſelber, da ſie Annibales Niederge⸗ ſchlagenheit merkte und den Grund davon herausfand, eines Abends vor ihn hintrat und ihm ſein Wort und ſeinen Ring zurückgab, da ſchlug die Flamme bei ihm plötzlich lichterloh empor und er vermaß ſich mit einem entſetzlichen Schwur, daß ſie die Seine werden ſollte, koſte es auch, was es wolle. Dabei hoffte er noch immer, daß ihm der Vater, wenn es aufs Letzte komme, nicht zuwider ſein werde. Aber hier war es gerade, worin auch er ſich täuſchte. Denn eben weil ſie beide, Vater und Sohn, ſonſt in allen Din⸗ gen gleich geweſen waren und gleich dachten, war gerade dieſer einzige Punkt der Verſchiedenheit nur um ſo unüberwindlicher, wie das meiſt zwiſchen zwei Menſchen ſolcher Art zu geſchehen pflegt. Zu allem Unglück mußte es dazu noch geſchehen, daß ſich ein Pfaffe in die Sache miſchte, und wo die in ſolchen Dingen ihre Hände ins Spiel mengen, da iſt meiſt auch bald das „Ci des Teufels“ gelegt.
In unſerm Orte war damals ein Pater Franziskaner, der in dem Hauſe Don Gactanos ſchon ſeit längerer Zeit häufig verkehrte. Er war ein ganz beſonderer Redner, von großen Gaben; alle Welt ſtrömte ihm zu in ſeine Kirche, und ich muß ſelber ſagen, daß ich ſelten einen ſolchen Prediger wie ihn gehört habe, wenn er über die Sünden und das Verderbniß der Welt und über die Gefahren der Fleiſchesluſt mit ſeiner tönenden Stimme von der Kanzel herab donnerte, und zu Reue und Buße die zerknirſchte Seele aufforderte, die vor ihm weinend auf ihren Knien lagen. Er war es auch, der im Hauſe Don Gaetanos großen Einfluß gewonnen und in der Mutter Annibales frühzeitig den Wunſch erweckt hatte, ihren zweitge⸗ borenen Sohn Rafaello geiſtlich werden und in das Franziskanerkloſter treten zu laſſen. Davon aber wollte deſſen Vater durchaus nichts wiſſen. Er gab zwar nach, daß der Rafaello nicht Schiffer zu werden brauchte, wo⸗ zu er auch gar nicht das rechte Zeug hatte, aber er hielt ihn zur Arbeit an im Garten und Weinberg. Denn er ſollte einmal Beides erben, während Annibale das Geſchäft der Schifffahrt fortſetzen ſollte. Der Rafaello war, wie geſagt, körperlich zart, ſchwächlich und überhaupt merkwürdig verſchieden von Vater und Bruder. Er hielt ſich meiſt ſtill und in ſich gekehrt, hatte


