Jahrgang 
3 (1855)
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10 Der ſchwarze Annibale.

allen Menſchen anthat und vorzüglich den Frauenzimmern überall, wo er ſich zeigte.

Sonderbarer Weiſe aber machte auf ihn, wie es ſchien, die Schön⸗ heit nicht denſelben Eindruck. Denn Carmela, ſeine Flamme, war weit weniger ſchön als gar manche andere Mädchen des Orts, aber ſie war ſtolzen Geiſtes wie er, und klug wie wenige, konnte nicht nur leſen, ſondern auch das Schreiben hatte ſie gelernt und ging damit ihrem Pflegvater in ſeinen Geſchäften gut zur Hand. Dazu hatte die Madonna ſie mit einer Stimme begnadigt, daß ſie ſang wie keine, und wie Annibale öfters ſagte, ihre Stimme ſchöner klang, wenn ſie unſere Lieder zur Mandoline ſang, als die Stimmen der Sängerinnen in San Carlo zu Neapel, die er mehrmals gehört, wenn er mit Frachten von Salerno nach der Hauptſtadt gefahren war. Nun hätte auch Don Gaetano, ſein Vater, wohl am Ende in die Heirath gewil⸗ ligt, denn er war nicht blind gegen alle dieſe Eigenſchaften Carmelas. Aber die Sache hatte doch einen ſchlimmen Hacken. Denn Carmela war ein unehliches Kind, das eine Schweſter meiner Mutter geboren hatte, die ein junger vornehmer Edelmann verführt und verlaſſen hatte, und die meine Eltern aus Mitleid zu ſich genommen, als die arme betrogene Mutter bald nach der Geburt geſtorben war. Das war nun aber gerade ein Flecken, über welchen Don Gaetano nicht weg konnte, ſo ſehr er auch ſeinen Aelteſten liebte. Die Armuth und Elternloſigkeit hätte er noch hingenommen, aber den Schandfleck der Geburt konnte er bei einer Schwiegertochter nicht er⸗ tragen. Denn der Stolz auf ſeine Familie und die unbemakelte Ehre ſeines Hauſes war ſein Leben. Vergebens hatte er geglaubt, er brauche dem Anni⸗ bale bloß dieſe Sache zu offenbaren, um ihn für immer von der Carmela zu entfernen, oder ihm doch den Gedanken zu verleiden, ſich mit ihr zu verhei⸗ rathen. Er rechnete darauf, daß ihm ſein Sohn in allen Dingen ähnlich war, in allem mit ihm gleich dachte. Das war auch ſo, und der Annibale gab an Stolz ſeinem Vater nichts nach. Aber doch irrte ſich dieſer in dem einen Punkte. Annibale war zwar anfangs darüber in Verzweiflung, als er vom Vater das Geheimniß von Carmelas Geburt erfuhr. Aber das dauerte nicht lange, und bald war es, als ob gerade dieſer Umſtand ſeine Leidenſchaft für das Mädchen noch mehr anſpornte. Ihr wißt ja, Herr, daß alles Ver⸗ botene von ſtarken Gemüthern nur uüm ſo lebhafter erſtrebt wird; das iſt ſchon im Paradieſe ſo geweſen, und wird darum wohl auch immer ſo bleiben bei den Menſchen. Dazu kam, daß neben der Liebe in Annibale jetzt das