Von Ottilie Wildermuth. 21
auf' nächſte Jahr wollte er Bertha heimführen, er bekomme bis dahin einen Dienſt in ſeiner Heimat; das Alles war recht und im Reinen, der alte Herr hatte nachgefragt.
Damals hab' ich genäht und Bertha hat treulich mitgeholfen, wenn ſie nicht der Mutter half oder wenn der Bräutigam nicht da war. Das war ein luſtiges Schaffen! ſie ſang und jubilirte dazu wie ein Vögelein, Schelmenliedlein und andere, wenn ſie aber das Horn blaſen hörte, da war's, als ob der klare Tag über ihr ſchönes Geſicht ſchiene und ſie warf ihr Nähzeug in alle Weite,— ich mußte nur zuſammenleſen, und drunten war ſie wie geflogen. Ja, das war eine luſtige Zeit.
Einmal, es war des alten Herrn Geburtstag, hatte ſie den ganzen Tag umſonſt auf den Bräutigam gewartet und war voller Angſt, als er nicht kam; es waren viele Gäſte da, denen Allen war es unkommod Angſt zu haben; ſo meinte ſte, er werde eben ſonſt wo ſich verweilen, ſie war zu gut, jemand in den Wald zu ſchicken, aber es ließ ihr keine Ruhe mehr, und ſo ging ſie allein hinaus, ihm entgegen. Ich ſaß eben an meinem Fenſter, nähte und dachte an nichts, da ſah ich ſie auf einmal vom Wald her rennen, ganz athemlos, ohne Hut, ihr Haar flog ihr um's Geſicht.
Sie hatte den Bräutigam in ſeinem Blut im Walde gefunden, ein Wilderer hatte ihn geſchoſſen.„Hülfe, Hülfe!“ rief ſie mit ihrem letzten Athem, ſank am Hauſe nieder wie todt und konnte nur noch ſagen, wo man ihn finde. Man trug ſie herauf und holte den Jäger aus dem Wald, er war ohnmächtig, aber der Schuß nicht gefährlich, Bertha ſtand wieder auf und pflegte ihn, obgleich ſie ſelbſt Pflege gebraucht hätte. Das furchtbar ſchnelle Rennen und der Schrecken hatten ihr einen Treff gegeben, ſie iſt von der Stunde an nimmer geſund geworden.
Der Jäger war bald wieder rüſtig und geſund, Bertha aber hatte einen böſen Huſten und klagte über Schmerzen auf der Bruſt; ſte hat es niemand geſagt, als mir, ich ſagte es der Mutter, man brauchte Thee und Säfte, aber es half nichts. Ihre Wangen waren ſchön roth, wie immer, und ihre Augen noch heller als vorher, aber ich ſah wohl, daß das alte Leben nicht mehr in ihr war. Es ging freilich ganz langſam abwärts mit ihr, aber abwärts
gings doch. Daheim hörte ſie ganz auf zu ſingen, nur wenn ſie das Wald⸗ horn hörte, fing ſie immer wieder an, aber es klang ſo traurig, daß ich weinen mußte, ſo oft ich's hörte.
Im Spätherbſt ging der Bräutigam zu ſeinen Eltern nach Hauſe,


