Von Ottilie Wildermuth. 19
gar nicht gewußt, ſie hat nicht anders gethan und geredet als wie ein an⸗ deres junges Mädchen, nur die Engel im Himmel haben's gewußt, und auf der Welt hat ihr, glaub' ich, niemand ſo lang ſie lebte eine harte Rede gegeben.
Am Allerglückſeligſten iſt ſie in ihrem Gärtchen drunten geweſen, und wer ihr etwas Liebes hat erweiſen wollen, der hat ihr ſchöne Blumenſtöcke darein verehrt, ſie ſelbſt aber iſt die Allerſchönſte geweſen.
So ſchön und lieb, wie ſie war, hätte man denken ſollen, die Freier um ſie hätten faſt das Haus weggelaufen; es kamen aber doch nicht ſo viele, ſie hat gar ſtill für ſich gelebt und ging nicht gern unter viel Leute, und dann war eben etwas Beſonderes an ihr, es hatten Alle ſo viel Re⸗ ſpekt, ſo beſcheidentlich ſie war. Sie ſelbſt dachte gar nicht an's Heirathen, es war ihr ſo wohl daheim.
Nun war ich dazumal ſchon nicht gut zu Fuß und hatte das Nähen angefangen; an dem Fenſter da bin ich immer geſeſſen, und es war meine Freude, wenn ich am Morgen und Abend hinausſah, die Bertha zu ſehen,⸗ wenn ſie bei ihren Blumen war, die Täublein vom Dach flogen ihr auf den Kopf, und Hündlein und Kätzlein ſchmeichelten ihr.
So ſtand ſie an einem Abend, ich meine, es ſei heut, am Gartenzaun; es war gerade zur Roſenzeit und blühte Alles zuſammen. Da kam den Weg vom Wald her ein junger Jägersmann bis an den Zaun und fragte ſie um den Weg. Ich ſeh die Zwei noch am Zaun ſtehen, ſie innen und ihn außen, nur noch ein heller Streif von der Sonne ſchien auf das Gärtchen, das Haar der Bertha glänzte wie lauteres Gold, der Jäger hatte kohl⸗ ſchwarze Haare, war aber ein ſchöner Mann,— er ſah die Bertha an, als wollte er ſie durch und durch gucken. Mir hat's nicht recht gefallen, aber ich ſah gleich dazumal, wie es kommen werde.
Der Jäger war Praktikant, oder wie ſie's heißen, beim Förſter in Eichelberg drüben, und er hatte ſich verirrt, weiß Gott, wie er's angegriffen hat, daß er ſo weit herüber gekommen iſt, ich wollt er wär auf einer andern Seite vom Wald heraus gekommen!
Der alte Herr kam dazu, als der Jäger eben wieder fort wollte, und hat ihn in's Haus eingeladen, er aber bat um Erlaubniß, im Gärtchen blei⸗ ben zu dürfen; da ſetzte er ſich auf die Steinbank an der Mauer, an der Bertha ihr Tiſchchen, und ſie brachte ihm Wein und Brod heraus, er hat kein Auge von ihr gelaſſen, wo ſie ging und ſtand.
Nun, daß ich's kurz mache, der Jäger war nicht zum letztenmal da,
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