Mäͤdchenbriefe.
Geſchichten der alten Nätherin. Bertha's Blumengarten.
Unter Annamreile's Fenſter, dicht am Hauſe, iſt ein kleines Gärtchen, verwildert und verwachſen, nur zahlreiche Roſenſtöcke haben ſich unter dem Unkraut erhalten und ſchmücken es zur Sommerzeit. Die alte Nätherin ſteht alle Morgen und alle Abende in das Gärtchen hinunter,— ich habe ihr von den Roſen gebracht, obſchon ſie ſchwer zu pflücken ſind unter Neſſeln und Unkraut, und ſie ſtellt ſie mit beſonderer Freude im Glaſe vor ſich hin.
„Das Gärtchen, mußt du wiſſen— ſie duzt mich immer,— das hat der Bertha gehört; da hat's vor Zeiten zuſammengeblüht wie ein Paradies⸗ garten: Roſen und Aurikeln und die Beete mit blauen Vergißmeinnicht eingefaßt, du haſt nichts ſo Schönes auf der Welt geſehen. Ich bin als ganz junges Mädchen zu der alten Frau(Großonkels Mutter) in Dienſt gekommen und habe die Kinder alle aufziehen helfen, und ſo ein ſchönes und ſo ein liebes Kind wie die Bertha habe ich vorher und nachher nie mehr geſehen.
Ein ganz beſonderes Kind iſt ſie geweſen, es hat ſich kein Thierlein vor ihr gefürchtet, und wo ſie ein krankes Blumenſtöcklein in Pflege ge⸗ nommen, da iſt es wieder gediehen. Dabei war ſie fröhlichen Herzens und hat geſungen wie eine Nachtigall. Obgleich ſie ſo fein, weiß und roth war wie eine Prinzeſſin, ſo hat ſie ſich doch von keinem Geſchäft abgezogen und die Feldarbeit war ein wahres Plaiſir, wenn die Bertha mit hinausgezogen iſt. Kränze und Blumen hat's überall gegeben, wo ſie dabei war, aber das ſah nur um ſo luſtiger aus, und die Mutter ließ ſie machen und ſagte: „Du biſt eben ein Kindskopf.“
Alle Kinder ſind ihr von weitem entgegen geſprungen, und wenn die Weiber auf dem Feld waren, ging ſie in die Häuſer, wo man die kleinen Kindlein zurückgelaſſen, geſchweigte ſie und legte ſie trocken. Die aller⸗ kleinſten Kinder haben zu ſchreien aufgehört, wenn die Bertha ſie auf den Arm genommen.
Der Mutter war zu Anfang vieles nicht recht von ihrem Weſen, ſie war gar eine g'ſchäffnige(rührige) Frau und meinte, man habe alleweil im eigenen Hauſe genug zu thun; aber am Ende hatte ſie nichts dawider, es war— GCott rechne mir's nicht zur Sünde,— faſt als ob der liebe Heiland in's Dorf käme, wenn Bertha hinunterging, und ſie ſelber hat es
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