Von Ottilie Wildermuth. 17
i*ſt die älteſte von zwölf Geſchwiſtern und mehr als die rechte Hand der Mutter; da wäre es keine verlorene Zeit, wenn Sie ſolchen Umgang ſuchten.“
„So verlieren Sie doch keine Zeit, Vetter,“ ſagte ich etwas aufgeregt, „gehen Sie, um Ihr Ideal zu finden.“ Er ſah mich ſonderbar an und ging langſam, ſagte aber noch im Gehen:„vielleicht wäre es auch freund⸗ lich geweſen, wenn Sie der Großmutter bei Bewirthung der Gäſte geholfen hätten.“
Nun, das war richtig, es war vergeßlich von mir, daß ich daran nicht gedacht, aber er brauchte mir das juſt nicht zu ſagen; ich wäre nun gern gegangen, aber dann hätte er gedacht, ich gehe auf ſeinen Befehl, und das wollte ich gerade nicht.
Tante kam nachher mit den Gäſten in den Garten; ich ſchämte mich ein bischen und ſchloß mich an ſie an, pflückte auch den Mädchen einen Blu⸗ menſtrauß. Aus meiner Blumenkultur iſt noch nicht viel geworden, vielleicht könnteſt du mir Abſenker von weißen Moosroſen, Tulpenbäumchen und Kameliaſamen von einem Gärtner beſorgen.
Die Mädchen ſind wirklich nicht ſo übel; in Manchem ſind ſie freilich hier ſehr zurück, die Eine trug noch ſtatt der Mantille oder Viſite ein drei⸗ eckiges ſeidenes Halstuch! Von tieferem Anklang iſt natürlich keine Rede.
Aber zu dem alten Annamreile habe ich einen wunderbaren Zug; in dieſen Regentagen habe ich mich mit meiner Arbeit ganz bei ihr etablirt, und ſie thaut allmälig auf. Für die nächſte Vergangenheit und Umgebung i*ſt ihr Gedächtniß etwas ſchwach, ſte begreift nie ſo recht, wer ich eigentlich bin und woher ich komme, und heißt mich oft Bertha, eine längſt verſtor⸗ bene Schweſter des Onkels, und oft Eliſabeth— ſo hieß meine Großmutter, — aber in alten Zeiten da lebt und webt ſie.
Vergangene Geſchichten Aus längſtvergangener Zeit Iſt ſie mir zu berichten Mit Freundlichkeit bereit.
Ich ſchreibe Dir nächſtens, was ſie mir aus der Familie erzählte, ich ſchreibe mir's manchmal Abends nieder, eh ich an mein Tagbuch gehe, das wirklich oft vernachläſſigt wird. Was ſollt' ich auch ſchreiben?
Leb wohl und liebe
. Deine
Fanny.
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Hausblätter. Jahrg. 1855. II. Bd. 2


